Klettern – ein Tag im Felsen
Klettern in der Felswand ist Klettern in der Seele
Sonja Magin
Der Himmel wirkt wie mit hellem Grau gestrichen. Nur vereinzelt kämpft sich ein Sonnenstrahl durch die Wolkendecke. Hin und wieder streift ein erfrischender Luftzug durch die grünen Blätter der Bäume. Die Außentemperatur beträgt zwanzig Grad Celsius – ein perfekter Tag, um klettern zu gehen.
Mit Kaffee, Butterbrot und Kletterausrüstung im Gepäck schwingen wir uns am frühen Morgen ins Auto und brechen auf Richtung Eifel. Wer in Köln wohnt, kann dort das nächstgelegene Klettergebiet finden. Und die Eifel mit ihren kleinen Dörfern und den vielen Vulkanen inmitten von Grün und frischer Luft ist wirklich schön. Man kann sich gar nicht vorstellen, wie nah die Großstadt ist! Nachdem die Dämmerung eingesetzt hat, setzen wir uns mit erdigen, nach Chalk riechenden Händen und einigen kleinen Löchern in der Hose wieder ins Auto und fahren angenehm erschöpft zurück in die Großstadt. (Chalk ist das Talkum, das benutzt wird, damit die schweißigen Hände während des Kletterns nicht abrutschen) Jedes Mal, wenn ich am Abend vom Klettern aus der Eifel nach Köln zurückkehre, fühle ich mich, als wäre ich im Urlaub gewesen und bin völlig entspannt. Das liegt nicht nur daran, einen Sport getrieben zu haben, der ungeheuren Spaß macht. Ein wichtiger Faktor dabei ist, frische Luft und Tageslicht getankt zu haben.
Die Kletterhalle ist eine ergänzende Alternative
Hätte ich einen Tag in der Kletterhalle verbracht, würde ich mich nur halb so gut fühlen. Die stickige Luft und die oft vielen Menschen in der Halle sind ein Stressfaktor, der draußen keine Rolle spielt. Der Umstand, dass Klettern eigentlich eine Sportart ist, die üblicherweise
in der Natur betrieben wird, trägt nicht nur zu körperlicher, sondern auch zu psychischer Gesundheit bei.
Damit will ich die Kletterhalle keineswegs abwerten. Ich kann auch drinnen gut trainieren und habe mich sogar schneller verausgabt, als draußen. Nachgewiesenermaßen ist der Klettersport sehr gesund für den Rücken. Und weil ich mich in der Halle auch bei schlechtem Wetter auf interessantere und spannendere Weise, als auf dem Laufband im Fitnessstudio ganzkörperlich verausgaben kann, ziehe ich eine Kletterhalle einem Fitnessstudio vor. In den Wintermonaten ist meine Stammkletterhalle für mich zu so etwas wie einem Wohnzimmer geworden. Ich treffe Freunde, trinke zwischen den Routen Kaffee und nach dem Klettern auch mal gerne ein Bier.
Die Kletterhalle existiert so, wie man sie heute kennt, erst seit den achtziger Jahren und war ursprünglich nur als „Trainingsstudio” für die kommende Gut-Wetter-Periode konzipiert. Mittlerweile jedoch ist sie zum Anlaufpunkt vieler Menschen aus der Stadt geworden, die den Klettersport einfach mal ausprobieren wollen oder die Halle tatsächlich als eine Art Fitnessstudio nutzen. Sie leben den Klettersport nicht wirklich. So waren die meisten von ihnen noch nie draußen klettern und haben das auch nicht vor. Untermauert wird diese Feststellung von einer Umfrage, die wir vor etwa anderthalb Jahren unter den Anwesenden einer Kletterhalle durchgeführt haben.
Klettern ist gesund
Ich verurteile niemanden, der den Hallenklettersport für sich entdeckt hat. Ich bin jedoch der Überzeugung, dass diejenigen, die die Zeit dafür aufbringen können und einen gesunden Sport treiben möchten, sich für den Klettersport in der Natur entscheiden sollten. Er entspannt nachhaltiger und fordert viel stärker die taktilen, akustischen und visuellen Sinne. Ein weiterer Vorteil ist, dass der Klettersport in aller Regel relativ risikofrei und kostengünstig in der Nähe von Großstädten mit eigenen Mitteln ausgeübt werden kann.
Insbesondere für Anfänger gibt es allerdings wichtige Voraussetzungen. So sollten diese nur gebohrte Routen nutzen und sich unbedingt die Sicherheitsaspekte aneignen. Vor allem jedoch ist dringendst davon abzuraten, sich das Klettern selbst beizubringen. Wer das tut, spielt mit seinem Leben!
Der Klettersport hat in den vergangenen Jahren einen Boom erlebt. Er wurde sogar als Rehabilitions- und Präventionssport für Menschen mit Rückenproblemen entdeckt. Eine wesentliche Rolle spielt sicherlich auch das Bedürfnis nach Abwechslung zum öden Alltag. Unter dem „Kletterlaufpublikum” befinden sich viele Büroarbeiter, die vermutlich etwas „Leben in ihr Leben” bringen möchten, eine durchaus nachvollziehbare, menschliche Motivation. Genau aus diesem Grunde habe ich persönlich mich bereits vor meiner Studienwahl für eine Richtung entschieden, die schlimmstenfalls zum Schulsport hin abdriften könnte. In keinem Falle müsste ich in einem Büro herumsitzen.
Sonja K. Magin
studiert Sportwissenschaften an der Sporthochschule (SpoHo) Köln mit Schwerpunkt Freizeit/Kreativität.
Sie macht eine Untersuchung im Rahmen ihrer Diplomarbeit mit dem Thema “Verletzungsangst und Verletzungserfahrung: Auswirkungen von Kletterverletzungen auf das Verhalten von Kletterern nach Kletterunfällen” am Psychologischen Institut an der Deutschen Sporthochschule in Köln.
