Grüner Tee – eine Erfolgsstory
Nahrungsmittelergänzungen mit Polyphenolen können gefährlich sein
Niemand wird die gesundheitsfördernden Wirkungen des grünen Tees in Frage stellen. Die im grünen Tee enthaltenen Polyphenole – das sind als gesundheitsfördernd geltende aromatische Verbindungen, die in Form von Antioxidantien entzündungshemmend wirken – sollen das Risiko, am Herzen oder an Krebs zu erkranken, stark vermindern. Zu hoch konzentriert jedoch können die Polyphenole im grünen Tee Nieren, Leber und Darm schädigen.
Bereits im Jahr 2007 veröffentlichten amerikanische Forscher der Rutgers-University in New Jersey, USA, um den Biochemie-Professor Chung Yang im Fachblatt „Chemical Research in Toxicology” einen Aufsatz, in dem sie über diese Eigenschaft der Polyphenole berichteten. Die Wissenschaftler waren aufgrund von Tierversuchen und klinischen Daten von Patienten auf diese Ergebnisse gestoßen. So sollen Polyphenole, die einer Menge von fünfzig Tassen Tee entsprechen, Leber, Nieren und Darm schädigen können. Zudem erhöhten Wechselwirkungen mit Medikamenten das Risiko der Schädigungen.
Selbstverständlich wird in der Regel niemand fünfzig Tassen Tee täglich trinken. Es gebe jedoch bestimmte Nahrungsergänzungsmittel in denen bis zu fünfzig Mal mehr Polyphenole enthalten seien, als in einer Tasse grünen Tees, sagten die Wissenschaftler. Natürlich spielten auch genetische Veranlagungen eine Rolle. Chung erklärte, seine Kollegen und er wollten in Tierversuchen herausfinden, in welchen Mengen pflanzliche Polyphenole gesund seien und welche Dosierung schädlich sei. Selbstverständlich seien bis zu zehn Tassen grünen Tees am Tag unbedenklich.
Die Geschichte des Professor Dr. Werner Hunstein
Im Zusammenhang mit grünem Tee sei an die Geschichte des Heidelberger Professors Werner Hunstein erinnert. Im vergangenen Februar widmete das Nachrichtenmagazin ‚Der SpiegeI’ dem emeritierten Direktor der Medizinischen Universitäts-Poliklinik Heidelberg eine Geschichte.
Im Frühjahr 2001 fühlt sich der damals 72-jährige Hunstein so schlapp, dass er sich freiwillig in die Behandlung seiner Kollegen begibt. Drei Jahre lang schleppt er sich von Fehldiagnose zu Fehldiagnose, vom einen Irrtum zum anderen. Hunstein sieht dem Tod ins Auge. Erst im Dezember 2004 – es ist fast zu spät – wird er selbst aktiv und bricht aus dem kollegialen Teufelskreis aus. Mit einem seiner ehemaligen Schüler zusammen wird die Krankheit identifiziert und hat plötzlich einen Namen: Amyloidose. Es handelt sich um eine sehr seltene leukämieähnliche Erkrankung, bei der Blutzellen entarten und nur noch Teile der Antikörper herstellen, die ins Blut entlassen werden. Dort verklumpen sie zu unauflöslichen Eiweißfäden und setzen sich in Organen fest. Diese können nicht mehr normal arbeiten – eine lebensbedrohliche Situation.
Dank grünem Tee dem Tod von der Schippe gesprungen
Hunstein fällt in Depressionen und wird zunehmend schwächer. Er bekommt zusätzlich Herzprobleme. Nach weiteren zwei Jahren eigenhändiger Suche nach einer Behandlungsmöglichkeit ruft ein ehemaliger Schüler, Antonio Pezzutto, Hämatologe an der Charité Berlin, bei Hunstein an. Er habe am Vortag einen Vortrag des Molekularbiologen Erich Wanker vom Max-Delbrück-Centrum in Berlin gehört. Dieser habe von der Wirkung eines im grünen Tee enthaltenen Stoffes mit dem unaussprechlichen Namen Epigallocatechingallat (EGCG) auf Amyloid-Bildungen gesprochen. Eigentlich sei es um die Behandlung von Krankheiten wie Alzheimer gegangen, die ebenfalls eine Folge von Eiweißablagerungen seien. Wankers Arbeitsgruppe hatte im Reagenzglas nachgewiesen, dass EGCG die Ablagerung von fehlgefalteten Eiweißen bremst. Die Substanz verhindere schon kurz nach deren Entstehung ihre Verklumpung.
Zuerst nicht sonderlich ernst genommen
Pezzutto sagt Hunstein, er müsse jetzt grünen Tee trinken. Hunstein fragt sich, warum das, was im Reagenzglas funktioniert, nicht auch in ihm funktionieren soll. Der „knallharte Schulmediziner” trinkt fortan zwei Liter grünen Tee auf den Tag verteilt, was bei etwa zwanzig Gramm Teeblättern rund 700 Milligramm EGCG entspricht. Im Frühjahr 2007 geht es ihm so gut, dass er wieder ehemalige Kollegen und Freunde zum Essen einlädt. Er erzählt von seiner Therapie mit grünem Tee und wird belächelt. Er sendet die Geschichte seiner Selbsttherapie an die bekannte Zeitschrift für Hämatologie ‚Blood’. Die Zeitschrift gratuliert. Jetzt erst beginnt die Schulmedizin, sich zu interessieren. An der Universitätsklinik in Heidelberg wird mit 25 Patienten, die an einer verwandten Krankheit leiden, der Transthyretin-Amyloidose, eine Versuchsreihe begonnen. An der Berliner Charité beginnt eine Studie mit MS-Patienten. Nature veröffentlicht die Ergebnisse des Molekularbiologen Erich Wanker. Der Konsum von grünem Tee könnte einen großen Schub erfahren. (kws)
