Der Angst begegnen, um zu leben
Vom Umgang mit einer schweren Erkrankung
Beate Stein
Die Diagnose einer lebensbedrohenden Krankheit erschüttert zutiefst das Vertrauen der Betroffenen in sich und die Welt. Den Angehörigen und Freunden ergeht es nicht viel anders. Alle Beteiligten sind schweren seelischen Belastungen ausgesetzt. Einer Zukunftsplanung und der Vorstellung, Einfluss auf eine nachhaltig glückliche Gestaltung des Lebens nehmen zu können, werden jäh der Boden entzogen.
Dem Betroffenen drängt sich die existenzielle Frage nach dem Sinn des Lebens und Sterbens auf, sie ist jedoch in solch einer Krise nicht zu beantworten. Das Leben scheint keinen Zusammenhalt mehr zu haben. Empfindungen der Angst, Hilflosigkeit, Verzweiflung und Wut wechseln sich ab. Gleichzeitig wächst bei dem Kranken die Gewissheit, nicht mehr zu den Gesunden zu gehören, nicht mehr dazu zu gehören. Eine unsichtbare Wand teilt die Gesellschaft in eine Welt der Gesunden und der Kranken. So berichtet ein an Parkinson erkrankter 62-jähriger Mann, der einer Einladung zu einer Feier nicht nachkam, er habe den Gedanken nicht ertragen können, dass Freunde und Bekannte sagen könnten, „schau‘ mal, der hat Parkinson”, wobei es keine Rolle spiele, dass die Freunde und Bekannten das in keiner Weise böse meinen. Eine an Krebs erkrankte 35-jährige Frau beschreibt ihre Gefühle unmittelbar nach der Diagnose folgendermaßen: „Ich fühlte mich wie ein Vogel inmitten einer Schar anderer, als ich wie aus heiterem Himmel angeschossen wurde. Ich verkroch mich mit meiner schmerzenden Wunde, während die anderen davonflogen.”
Keine Zeit zu denken
Eine Krebsdiagnose lässt dem Menschen in der Regel kaum Zeit, sich vom Schock der Diagnose zu erholen, denn zu den oben beschriebenen Gefühlen, die in einer existenziell bedrohlichen Lebenssituation geäußert wurden, gesellen sich durch die weitere Diagnostik und die medizinischen Behandlungsprozeduren extreme physische Belastungen. Die Betroffenen müssen Maßnahmen wie Untersuchungen, Operationen, Strahlen- und Chemotherapien oder auch Hormonbehandlungen durchstehen. Von vielen Patienten wird berichtet, dass dabei Ärzte und Pflegekräfte lediglich ihren körperlichen Zustand wahrnehmen. Unsicherheiten, Ängste und Tränen haben hier keinen Raum und bringen die Patienten oft, wenn die Kraft zur Unterdrückung dieser Gefühle nicht mehr ausreicht, in eine beschämende Situation.
Mensch ist wegen anderer Menschen Mensch
Den anfänglich erlebten Angst- und Verzweiflungsgefühlen folgen Resignation, Lähmung und Gefühllosigkeit, was zu weiterem Rückzug, damit zunehmender Isolation führt. Was der Betroffene jetzt am nötigsten braucht, sind ehrliche, verständnis- und respektvolle Menschen. Meistens jedoch schweigen Angehörige, Freunde und Bekannte zu der Situation des Kranken aus Unsicherheit und angesichts der Projektionen eigener Ängste oder weichen einfach aus. So erzählt eine an Schilddrüsenkrebs erkrankte 37-jährige Frau, dass ihr Mann immer dann, wenn sie mit ihm über ihre Erkrankung und ihre Angst vor der anstehenden Operation sprechen wollte, das Thema auf organisatorische Belange des Alltags lenkte. „Ich fühlte mich in dieser Situation in meiner ganzen Person abgelehnt und alleine gelassen. Ein stärkeres Gefühl der Einsamkeit hatte ich noch nicht erlebt.” An diesem Beispiel wird deutlich, dass wir uns erst durch andere Menschen wahrnehmen und verstehen können. In der Neurologie wird diesbezüglich auf die sogenannten Spiegelneuronen verwiesen, die dafür zuständig sind, dass sich Menschen gegenseitig abbilden. Wir sind das, was wir für die Anderen sind – „ein Wechselspiel zwischen mir und dir”. Wenn andere Menschen uns nicht verstehen, fühlen wir uns in unserem tiefsten Wesen abgelehnt. „Die Angst, zum Außenseiter zu werden, ist noch größer, als die Angst vor dem Tode”, so Erich Fromm in seinem 1976 erschienen Buch „Haben oder Sein”.
Angehörige und Freunde können dem Betroffenen einen geschützten Raum mitsamt seinen Empfindungen bieten. Dabei sollten auch sie ihre Gefühle wahrnehmen und zum Ausdruck bringen. Einfühlsames Zuhören, Feedback geben ohne zu belehren, ohne Grenzen zu verletzen und gleichzeitig ohne zu beschönigen hilft dabei, dem Erleben des Kranken näher zu kommen. „Geteiltes Leid ist halbes Leid” wird hier zur Wirklichkeit, was nichts anderes heißt, als dass menschliche Beziehungen eine lindernde oder heilende Wirkung besitzen.
Begegnung mit der Angst macht frei
Für den Kranken und seine unmittelbare Umgebung beginnt ein langer und mühsamer Weg. Der erste Schritt zu einer umgänglichen Lebensführung ist, sukzessive der Angst zu begegnen, die Angst vor dem Fortschreiten der Krankheit, vor ihren physischen und psychischen Auswirkungen, vor den körperlichen Veränderungen und vor dem Sterben bewusst wahrzunehmen und in Worte zu kleiden – eine anspruchsvolle Anforderung an den Kranken wie an Verwandte und Freunde. Denn es gibt Gedanken, die nicht so einfach in Worte gefasst werden können, die verletzen oder noch mehr Angst machen, deren Intensität den Kranken überfordern könnte. Hier sollte unbedingt professionelle therapeutische Hilfe in Erwägung gezogen werden. In der Regel jedoch gilt, die Situation so zu sehen, wie sie wirklich ist, um die Wahrnehmung der damit verbundenen Ängste zulassen zu können. Das ist bedeutend hilfreicher, als vor der Angst zu fliehen. Flucht oder Vermeidung machen die Angst unkontrollierbar und verstärken sie. Stellt sich der Kranke der Angst, kann sie Gestalt annehmen, wird überschaubar und kann damit besser kontrolliert werden. In diesem Prozess ist es wichtig, seiner Trauer freien Lauf zu lassen, weinen zu dürfen um den Verlust der Gesundheit, der körperlichen Unversehrtheit, der Zukunft, sich darüber mitzuteilen. Für den kranken Menschen ist alles anders, für Angehörige und Freunde wird der kranke Mensch nicht mehr derselbe Mensch sein, den sie kannten. Die Krankheit hat den von ihr betroffenen Menschen verändert. Jetzt muss er neu zu sich finden. Die Begegnung mit seiner Angst und seiner Trauer eröffnet dem Kranken die Chance, aus der Passivität herauszutreten und neue Möglichkeiten zur Bewältigung eines andersartigen Lebens zu finden. Dabei zwingt die Krankheit den Menschen geradezu, sein bisheriges Leben zu überdenken, neue Prioritäten zu setzen. Beratungsstellen und Selbsthilfegruppen können dabei eine gute Begleitung bieten.
Die Bewältigung der Angst durch deren Annahme ist ein ständiger Prozess und geschieht immer wieder neu. Gelingt es, den Blickwinkel zu verändern, die Angst immer wieder zur Seite zu schieben, zeigt sich die Freiheit, das Leben auch ohne die belastende Angst führen zu können. Der Kranke kann wieder einen Sinn in der Vielfalt des Lebens finden. Die Versöhnung mit dem eigenen Schicksal und der eigenen Endlichkeit führt zu einem neuen Denken. Die Hinwendung auf das „Kommen und Gehen des Lebens im Leben” wird zum Reifungsschritt. Das Verlorene kann nicht ersetzt werden, aber man erfährt, dass nicht alles verloren ist.
Beate Stein ist Sozialarbeiterin und
Fachberaterin für Psychotraumatologie.
Sie ist selbst an chronischer Leukämie
erkrankt
