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Frischfleisch im Sauerstoffzelt

Politiker widersprechen Wissenschaftlern

Klaus W. Schmidt

Widersprüche zwischen wissenschaftlichen und politisch motivierten Einschätzungen verwundern nicht sonderlich. Anders ist das, wenn Politiker Wissenschaftlern widersprechen und beide arbeiten sozusagen unter einem Dach. Das geschieht derzeit im Verbraucherministerium. „Es besteht keine Gesundheitsgefahr, wenn frisch verpacktes Fleisch mit einem bestimmten Gasgemisch angereichert wird“, sagte eine Sprecherin des Ministeriums am 2. August 2010, also just zu dem Zeitpunkt, als foodwatch die Ergebnisse eines Labortests öffentlich machte, welcher die Verwendung hochkonzentrierten Sauerstoffes in Verpackungen von Frischfleisch nachwies.

Von foodwatch untersuchter Gulasch: Außen schön rot, innen schlecht. Foto: foodwatch

Einer Stellungnahme des renommierten Max-Rubner-Instituts (MRI), das dem Verbraucherministerium unterstellt ist, kann Gegenteiliges entnommen werden. Der entsprechende Brief war bei foodwatch bereits am 1. März 2010 eingegangen. Als Reaktion auf diesen Widerspruch wiederum wurde vom Verbraucherministerium das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) beauftragt, eine Bewertung abzugeben.

Toxizität ignoriert

Innerhalb von lediglich vier Tagen – für wissenschaftliche Verhältnisse ist das ein Augenzwinkern – lag eine solche vor. In einer merkwürdig formulierten Einleitung bestätigt das BfR, dass den Frischfleisch-Verpackungen ein „Gasgemisch mit einem teilweise hohen Sauerstoffanteil“ zugesetzt wird. Das Institut bestätigt weiter, das Fleisch behalte so seine rote Farbe über einen deutlich längeren Zeitraum, verändere aber seinen Geruch und Geschmack offenbar schneller als anderes Frischfleisch. Es räumt auch ein, es bildeten sich in der sauerstoffangereicherten Atmosphäre mehr Cholesterinoxidationsprodukte (COP), schränkt diese bislang unbestrittene Erkenntnis mit den Begriffen „aber“ und „offenbar“ ein, um gleich im nächsten Satz dem Verbraucher klar zu machen, dass das gar kein Problem sei, weil der Mensch solche COP über alle cholesterinhaltigen Lebensmittel ständig aufnehme. Dabei wird der Umstand, dass es sich bei COP um „anerkannt toxische Substanzen“ handelt, einfach ausgeblendet.

Vorsichtshalber weitermachen

Ganz besonders interessant ist die immer wieder geäußerte Schlussfolgerung interessensgesteuerter beziehungsweise auf bestimmte Ergebnisse gelenkter Menschen vom Fach: Da die Wirkung im menschlichen Organismus nicht abschließend geklärt sei, bestehe nach derzeitigen Erkenntnissen durch diese zusätzlichen Mengen an Cholesterinoxidationsprodukten kein gesundheitliches Risiko, so der Präsident des BfR, Professor Dr. Dr. Andreas Hensel. Daraus ist zu schließen, dass nicht etwa auf diese Methode verzichtet werden sollte, bis das gesundheitliche Risiko abschließend geklärt ist, sondern vorsichtshalber so weitergemacht werden darf. Stellt sich dann irgendwann heraus, dass COP doch eindeutig mit gesundheitlichen Konsequenzen in Zusammenhang steht, wird das Totschlagargument aller Dummen und Leichtfertigen hervorgeholt: „Jaaaa, hinterher ist man immer schlauer.“

Ministerin könnte jederzeit reagieren

Unbestritten bleibt, dass durch die Sauerstoffbehandlung des Fleisches der Verbraucher über den Frischezustand getäuscht wird. Das BfR selbst bestätigt, eine Geruchs- und Geschmacksveränderung trete ein. Dass beim „derzeitigen Erkenntnisstand“ ein gesundheitliches Risiko nicht bestehe, heißt nichts anderes, als dass nach dem derzeitigen Erkenntnisstand ein gesundheitliches Risiko nicht ausgeschlossen werden kann. Es gibt unbedenkliche und kostengünstige Alternativen für die Verpackungen von Frischfleisch: Statt des Einsatzes von Sauerstoff eine Stickstoffatmosphäre oder ein Vakuum. Frischfleisch sieht dann so frisch aus, wie es wirklich ist. Der Verbraucher will in Wirklichkeit keine Fleischkosmetik. Verbraucherministerin Ilse Aigner könnte zu jedem Zeitpunkt eine entsprechende Verordnung erlassen.




7. August 2010 | Kategorie: Kommentar

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