Schweinegrippe – wie gefährlich ist sie wirklich?
Die Diskussion dreht sich im Kreis
Sie kommt ganz bestimmt, die Schweinegrippe-Pandemie. Ein heftiger Schub wird mit den Urlaubsrückkehrern erwartet. Nordrhein-westfälisch-ministerielle Überlegungen, Schülern und Lehrern schweine(grippe)frei zu geben und die Ferien um zwei Wochen zu verlängern, sind zwar vom Tisch, sie zeigen jedoch, wie wichtig die Gefahr massenhafter Ansteckungen genommen wird. Dabei stellen sich immer mehr Menschen die Frage, was eigentlich an der sogenannten Schweinegrippe so gefährlich ist.
Niemand wird ernsthaft bestreiten, dass es das Krankheitsbild der Grippe wirklich gibt. Immerhin hat sie während der vergangenen drei großen Pandemien zwischen mindestens 30 und 40 Millionen Menschenleben gefordert. Bei der spanischen Grippe 1918 bis 1920 handelte es sich um den Viren-Subtyp A/H1N1, bei der asiatischen Grippe 1957 um A/H2N2 und bei der Hongkong-Grippe 1968 um A/H3N2. Jetzt taucht der Viren-Subtyp A/H1N1 mit der sogenannten Schweinegrippe wieder auf.
Tatsächlich jedoch hat das aktuelle Virus mit Schweinen nur den Namen gemein – das ist nachgewiesen. Im April des Jahre 2009 konnte der Erreger in Mexiko und in den USA erstmalig isoliert werden. Weder waren Schweine an der Grippe erkrankt, noch ist bekannt, wo das Virus herkommt. Demnach ist der Begriff „Schweinegrippe” irreführend, insbesondere insofern, als Schweine wirklich ein Reservoir für Grippeviren sein können. Man spricht dann von „porzinen Virusstämmen”, die durch eine Vermischung genetischer Informationen mit ähnlich gebauten Viren auch auf Menschen übertragen werden können. Das aktuelle A/H1N1-Virus hat jedoch nichts mit der real existierenden Schweinegrippe zu tun. Der Datenbank des „National Center for Biotechnology Information” (NCBI) ist zu entnehmen, dass nur eine einzige von insgesamt acht Genomsequenzen porzinen Ursprungs sein könnte.
Wem nützt die sogenannte Schweinegrippe?
Wie allenthalben berichtet wird, hat die aktuelle sogenannte Schweinegrippe einen relativ leichten Krankheitsverlauf. Sie dauert im Schnitt zehn bis vierzehn Tage. Bedrohlich wird sie offenbar nur da, wo das Immunsystem eines betroffenen Menschen in erheblichem Maße beschädigt ist – tragisch genug. Impfstoffe werden derzeit unter Hochdruck entwickelt und produziert, das Grippemittel Tamiflu hat Hochkonjunktur. Ein ideales Marketing-Umfeld für La Roche und Co, meinen viele Kritiker vermeintlicher Panikmache. Deren Argumente sind durchaus realistisch. Denn in der Tat verspricht die sogenannte Schweinegrippe besonders der Pharmaindustrie ungeheure Profite – sicherlich Grund genug, der positiven Konsumstimmung noch ein wenig nachzuhelfen. Darüber zu diskutieren ist letztlich müßig und wenig hilfreich dabei, die wirkliche Gefahr der sogenannten Schweinegrippe richtig einzuschätzen und deren Folgen in den Griff zu bekommen.
Gefahr für das gesellschaftliche Leben
In Deutschland leben etwa 82 Millionen Menschen. Davon sind rund 50 Prozent in Lohn und Brot. Werden 20 bis 30 Prozent der Bevölkerung in Deutschland infiziert, so betrifft das insgesamt 16 bis 24 Millionen Menschen, von denen statistisch gesehen acht bis 12 Millionen erwerbstätig sind. Auch wenn die sogenannte Schweinegrippe in der Regel relativ harmlos verläuft, so zeigen sich die Symptome doch in einer Weise, welche die Betroffenen über einen Zeitraum von durchschnittlich zehn bis vierzehn Tagen in ihrer gesellschaftlichen Funktion außer Gefecht setzen. Selbst wenn das Auftreten der Erkrankungen nicht mit einem Schlag erfolgt, sondern über einen längeren Zeitraum, den niemand kennt, so kann sich doch jeder ausrechnen, dass eine Schweingrippe-Pandemie das gesellschaftliche Leben bis in die kleinsten Verästelungen empfindlich beeinträchtigen kann mit unabsehbaren materiellen und gesundheitlichen Folgeschäden. Das gilt es in Grenzen zu halten und darauf kommt es bei der Diskussion um die aktuelle sogenannte Schweinegrippe in erster Linie an. (kws)
