Häusliche Gewalt ist Thema auf Symposium
Schätzungen zufolge wird jede vierte Frau zum Opfer häuslicher Gewalt. Durchschnittlich vergehen rund sieben Jahre von der ersten Gewalterfahrung ausgehend, bis das Opfer Hilfe sucht. Kinder und Behinderte haben noch schlechtere Karten, weil sie besonders wehrlos sind. Diese und andere erschreckende Zahlen waren Anlass genug für Bundesregierung, Weltgesundheitsorganisation (WHO) und Bundesärztekammer, zum internationalen Symposium „Gewalt macht krank – Herausforderungen an das europäische Gesundheitssystem” am 30. und 31. Oktober 2008 nach Bonn zu laden.
Expertinnen und Experten verschiedener Nationen aus Ärzteschaft, Selbsthilfe und Pflege diskutieren darüber, wie der Gewalt begegnet werden kann und wie den davon Betroffenen Lösungen geboten werden können. Die parlamentarische Staatssekretärin im Bundesministerium für Gesundheit (BMG), Marion Caspers-Merck, erläuterte dazu: „Gewalt ist ein großes, oft unterschätztes Gesundheitsrisiko. Besonders betroffen sind Frauen, Kinder, pflegebedürftige Menschen und Menschen mit Behinderung.” Caspers-Merck sagte weiter, die Behandlung von Verletzungen als Folge von Gewalt seien in den Notaufnahmen und in vielen Arztpraxen Teil des Arbeitsalltages. Das erschreckende Ergebnis einer Repräsentativumfrage in Deutschland habe ergeben, dass etwa vierzig Prozent aller Frauen ab dem 16. Lebensjahr sexuelle oder andere körperliche Gewalt erlebt hätten. Gewalt sei zu oft ein Tabuthema. Die Bekämpfung häuslicher Gewalt fordere alle Kräfte und stelle auch an das Gesundheitssystem besondere Anforderungen. Caspers-Merck forderte Ärztinnen, Ärzte, Pflegekräfte sowie andere an der Versorgung beteiligte Berufsgruppen auf, sich vorzubereiten und die notwendige medizinische und psychosoziale Unterstützung zu geben. Um über die Situation gründlich zu informieren, hat das Ministerium ein Themenheft herausgegeben unter dem Titel „Gesundheitliche Folgen von Gewalt unter besonderer Berücksichtigung von häuslicher Gewalt”. Darin ist erstmals eine umfassende Bestandsaufnahme zum Thema Gewalt mit den entsprechenden Daten und Fakten enthalten.
Die Auswirkungen körperlicher oder sexueller Gewaltanwendung sind vielfältig. Neben den physischen Verletzungen treten psychische beziehungsweise psychosomatische Beschwerden auf. Oftmals sind Tote zu beklagen. Mit etwa achtzig Prozent ist der Anteil der Frauen mit Behinderung als Gewaltopfer besonders hoch. Sie sind wie Kinder, alte oder pflegebedürftige Menschen der Gewalt hilflos ausgeliefert. Zudem zeigt eine vom Bundesministerium für Gesundheit in Auftrag gegebene Studie, dass drei Viertel aller suchtkranken Frauen Gewalterfahrungen gemacht haben. Diese Personengruppen stehen im Mittelpunkt der Tagung.
Die Gewalt von Frauen gegenüber Männern ist auf dem Symposium kein Thema, obwohl beispielsweise der Partnerschaftssoziologe Bastian Schwiethal in seiner im Jahre 2005 veröffentlichten Dissertation „Weibliche Gewalt in Partnerschaften” feststellte, dass Männer und Frauen gegenüber Intimpartnern Gewalt in etwa gleichem Maße anwendeten. Unbestreitbar endeten die Übergriffe von Männern häufiger tödlich, auf der anderen Seite setzten Frauen öfter Gewaltmittel und Waffen ein, um ihre körperlichen Defizite in Streitsituationen auszugleichen. Dass Gewalthandlungen von Frauen gegenüber Männern sehr viel weniger publik würden, hänge damit zusammen, dass Männer diese Gewalthandlungen auf Grund der Unvereinbarkeit von Mann- und Opferrolle verdrängten. In der Folge litten sie dann an Depressionen, Schlaf- und Appetitlosigkeit sowie Angstzuständen. Schwiethal beklagte damals schon, dass die Politik den wissenschaftlichen Erkenntnissen nur wenig Beachtung schenken wolle.
Mit einer anderen Form der Gewalt wird die Gesundheitsversorgung in ganz Europa zunehmend konfrontiert, mit der Genitalverstümmelung bei Frauen. Hierzu hat die Bundesministerin für Gesundheit, Ulla Schmidt, in Zusammenarbeit mit der Bundesärztekammer Empfehlungen zum Umgang mit den betroffenen Frauen ausarbeiten lassen. Diese Empfehlungen wurden international in deutscher, englischer und französischer Sprache verbreitet. (kws)

Gewalttätigkeit ist häufig ein Zeichen von Hilflosigkeit.
Frauen können im Gegensatz zum Mann verbal in so gemeiner Weise verletzen, wie es einem Mann kaum möglich ist. Nur gibt dies keine
blauen Flecken.