Allergien – Abwehrstoff im Stall gefunden
Zuckermolekül verhindert übersteigerte Immunabwehr
Irgendwie hat man es schon immer gewusst. Jetzt haben Forscher der Ruhruniversität Bochum gemeinsam mit Kollegen vom Forschungszentrum Borstel und der Universität München einen Beleg für die sogenannte Schmuddeltheorie gefunden, wonach der frühe Kontakt mit Schmutz Kinder vor Allergien schützen soll. Auffällig ist’s schon, dass sich im Laufe der vergangenen vier Jahrzehnte die Allergien verdreifacht haben – und das ausschließlich in den Industrienationen. Die Wissenschaftler spürten jetzt den Stoff auf, der zumindest die Landkinder davor schützt, dass ihr Immunsystem verrückt spielt: Arabinogalaktan.
Wie die Wissenschaftler mitteilten, handelt es sich dabei um ein Zuckermolekül, welches in großen Mengen in Futterpflanzen wie dem Wiesenfuchsschwanz vorkommt. Sie fanden es in Stallstaub, der in den Stallungen verschiedener Bauernhöfe eingesammelt worden war. Wie die Analyse ergab, bestand der Staub zum größten Teil aus pflanzlichen Stoffen. Dabei drängte sich Arabinogalaktan mit einem Anteil von über zehn Prozent in den Vordergrund.
Abgeschwächte Immunantwort
Es habe sich gezeigt, dass die dendritischen Zellen, welche die Immunzellen auf schädliche Eindringlinge hinweisen, so dass jene dagegen vorgehen können, ihr Verhalten ändern, wenn Arabinogalaktan im Spiel ist, so der Pneumologe Dr. Marcus Peters, der gemeinsam mit Prof. Dr. Albrecht Bufe die Versuche leitete. „Sie produzieren dann einen bestimmten Botenstoff, der die Immunreaktion dämpft.“ Es müsse noch untersucht werden, welche Rezeptoren der dendritischen Zellen für den Mechanismus verantwortlich sind. Dieser Mechanismus sei jedoch nicht unbekannt. Zuckerrezeptoren seien generell wichtig dafür, dass das Immunsystem fremde Stoffe erkennt. Man wisse, dass manche Bakterien den Mechanismus nutzen, um eine Immunantwort des Wirtes abzuschwächen. Durch Arabinogalaktan werde lediglich die übersteigerte Wachsamkeit des Immunsystems verhindert, die Abwehr von Krankheitserregern funktioniere normal.
Eine Frage der Konzentration
Die Forscher sind nicht darüber verwundert, dass es ausgerechnet ein Bestandteil von Gras ist, der vor Heuschnupfen schützt. „Das ist eine Konzentrationsfrage“, sagte Peters dazu. „In kleineren Konzentrationen können die Pollen des Wiesenfuchsschwanzes Allergien auslösen, in großen Mengen und sehr früh im Leben aber auch verhindern. Nichts anderes als eine Dosissteigerung ist ja auch die Strategie bei Hyposensibilisierung.“ Die Wissenschaftler wollen jetzt untersuchen, ob sich Arabinogalaktan zur Vorbeugung gegen oder zur Therapie von Allergien und allergischem Asthma einsetzen lässt. (kws)

