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Ohren auf Basis eines Polyethylen-Implantates

Neue Methode nach München jetzt auch in Bremen

Am Klinikum Bremen-Mitte ist Mitte Mai in einer komplizierten Operation bei dem sechsjährigen Kenneth ein Ohr erfolgreich vollständig nachgebildet worden. Das Besondere daran: Die Ärzte rekonstruierten eine neue Ohrmuschel samt Ohrläppchen mit Hilfe eines Polyethylen-Implantates. Die Methode brachte der neue Chefarzt der Hals-Nasen-Ohren-Klinik, Dr. Andreas Naumann, von seiner alten Wirkungsstätte, dem Universitätsklinikum München, nach Bremen mit. Naumann gehört bundesweit zu den wenigen Spezialisten, die diese Methode beherrschen. Damit sind das Klinikum Bremen-Mitte und das Universitätsklinikum München die einzigen in Deutschland, die derartige Ohr-Rekonstruktionen anbieten.

Kenneth (links) zwei Monate danach. Er freut sich gemeinsam mit seiner Mutter, seinem Bruder und PD Dr. Andreas Naumann über die gelungene Operation

Der kleine Patient war bereits mit einer schweren Ohrenfehlbildung zur Welt gekommen. Diese war Ursache dafür, dass Schallwellen nicht ungehindert in das Ohr eindringen konnten. Zusammen mit der Verengung des Gehörganges konnte der Junge auf diesem Ohr sehr schlecht hören. Hinzu kamen psychische Belastungen, weil das Ohr von anderen ständig angestarrt wurde.

Wie ein natürliches Ohr

„Nach der herkömmlichen Methode hätte man Kenneth in mehreren Schritten eine Ohrmuschel aus Rippenknorpel rekonstruiert“, erklärte Naumann. Das erfordere mehrere Operationen und sei in der Regel erst ab dem achten Lebensjahr möglich. Zudem bestehe immer die Gefahr, dass sich der Knorpel verbiegt oder nach der Operation schrumpft. Bei der neuen Methode bilde ein filigranes Gerüst aus Polyethylen das Grundgerüst des neuen Ohres. Dafür werde direkt über dem neuen Ohr ein Muskelhautlappen, der sich unter der Kopfhaut befindet, freigelegt und nach unten geklappt. Naumann: „Dieser Lappen ist für die Kopfhaut entbehrlich. Er enthält aber zahlreiche Gefäße, so dass er eine gute Grundlage für das Anwachsen von freien Hauttransplantaten ist.“ Der Muskelhautlappen wird locker über das Implantat gelegt und so befestigt, dass er es vollständig umhüllt. Hautstücke aus der Leiste oder von der anderen Kopfseite werden schließlich auf den Hautlappen transplantiert und decken die neue Ohrmuschel ab.

Das Erstaunliche an der Methode ist, dass die transplantierte Haut sich in das vorgefertigte Ohrrelief automatisch einzieht, so die Formen und Gänge annimmt und nach wenigen Wochen wie ein normales Ohr aussieht. Die Narben liegen an verdeckten Stellen und sind kaum sichtbar. „Das Polyethylen-Implantat ist sehr formstabil und gut verträglich“, verspricht der HNO-Spezialist.

Keine Schmerzen

Die Methode vereinige viele Vorteile in sich. Sie erschöpfe sich in einer einzigen, rund vierstündigen Operation und sei so für den Patienten erheblich schonender, als die herkömmliche Verfahrensweise. Zudem könne die Operation bereits bei Kindern ab fünf Jahren durchgeführt werden. Schmerzen spielten auch keine Rolle, weil man in dem Hautlappen und den verpflanzten Hautstücken kaum Schmerzempfinden habe. Die Schwellung klinge in der Regel etwa sechs Wochen nach der Operation soweit ab, dass das neue Ohr zu sehen ist. Naumann: „Bei Kenneth ging es sogar noch schneller. Der Heilungsprozess ist erstaunlich gut verlaufen.“ Er komme noch regelmäßig zur Kontrolle, habe aber ansonsten keinerlei Einschränkungen mehr. (kws)




28. Juli 2011 | Kategorie: Heilkunde

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