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Zwangs-BMI in Altenpflegeheimen

Warum hilflose Menschen zum Essen gezwungen werden

In Altenpflegeheimen geht ein Gespenst um – der Body Mass Index (BMI). Nachdem die grundsätzlich lobenswerte Absicht, Qualität zu steigern und zu sichern – Stichwort „Total Quality Management” – dazu geführt hat, alles in Zahlen ausgedrückt messbar machen zu müssen, hat ein Merkmal dieser Erscheinung in Gestalt des BMI auch die Altenpflegeheime erreicht. Die Menschen dort müssen solange essen, bis ihr BMI optimal ist. Besonders tragisch wirkt sich das für diejenigen aus, die unter fortgeschrittener Demenz leiden, weil sie sich argumentativ nicht wehren können.

Immer mehr Menschen werden immer älter. Unter gesundheitlichen Aspekten betrachtet werden damit immer mehr Menschen kränker und pflegebedürftiger. Dabei spielen dementielle Erkrankungen wie Alzheimer eine immer größere Rolle. Demenz ist eine schwere Belastung für Betroffene wie für Angehörige. Erschwerend kommt hinzu, dass trotz guter Absichten von Seiten der Politik nach wie vor zu wenig zur Entlastung der betroffenen Angehörigen getan wird. Man sollte meinen, dass diejenigen, die ihre dementen Eltern, Vater oder Mutter, in einem für die entsprechende Pflege ausgestatteten Heim unterbringen konnten, Glück hatten und etwas Gutes für ihre Eltern getan haben.

Ihre Mutter wird nicht gezwungen

Karin S. aus Köln (Name und Anschrift sind der Redaktion bekannt) kann das in keinem Falle bestätigen. Sie erzählt: „Ich besuche meine Mutter oft in einem Altenpflegeheim, in welches sie vor 11 Jahren wegen einer Erkrankung an Alzheimer kam. Starr, mit leerem Blick und ohne jede Möglichkeit einer Äußerung liegt sie im Bett. Die Maschinerie von Waschen, Füttern und Lagern wird von offensichtlich genervten und überforderten Altenpflegerinnen in Gang gehalten. Jeder Handgriff, jede Handlung wird akribisch dokumentiert. Jedes Gramm Nahrung, das meine Mutter zu sich nimmt, muss aufgelistet werden. Meine Mutter will sich weigern, zu essen. Sie dreht den Kopf weg, sie presst die Lippen aufeinander, sie stöhnt verzweifelt, sie weint, sie schreit. Sind das Willensäußerungen? Befindet sich endlich Nahrung in ihrem Mund, kaut sie diese nicht, sie spuckt sie aus. Daher wird aus Schnabeltassen Astronautenkost verabreicht. Die kalorienreiche Flüssigkeit läuft ihr in den Rachen und zwingt sie, zu schlucken. Ich bitte darum, meine Mutter nicht zum Essen zu zwingen. Ich erhalte immer dieselbe Antwort: „Ihre Mutter wird nicht zum Essen gezwungen.” Ich protestiere, ich schreibe Briefe, alles umsonst. Es folgen Gespräche mit der Heimleitung und der Pflegedienstleitung. In einem dieser Gespräche wird mir der BMI berechnet, den meine Mutter haben müsste. Demnach sollte sie 65 Kilogramm wiegen – und das, obwohl sie in ihrem ganzen Leben immer nur 53 Kilogramm auf die Waage gebracht hat. Unmissverständlich wird mir bedeutet, dass sie nicht weniger als 63 Kilogramm wiegen darf.

Mund auf, habe ich gesagt!

Trotz dieser Haltung wird mir immer wieder versichert, dass meine Mutter nicht gegen ihren Willen essen muss. Die Wahrheit sieht anders aus. Ich komme in das Zimmer meiner Mutter. Eine Altenpflegeschülerin lässt sich davon nicht stören und zwingt meine Mutter zum Essen: „Mund auf, Mund auf, habe ich gesagt!” In der Tür stehend beobachte die Prozedur. Meine Mutter weint, sie wehrt sich und spuckt das Essen aus. Plötzlich geht eine alte, verwirrte Bewohnerin an mir vorbei in das Zimmer. Sie hat sich geirrt. Die Altenpflegerin ist sichtlich genervt. Sie schreit: “Raus…, raus! Wie oft soll ich Ihnen noch sagen, dass Sie hier nichts zu suchen haben.” Ich denke mir: Was passiert eigentlich, wenn ich nicht hier bin. Ich unterbreche die Situation und frage die junge Frau, warum sie meine Mutter zum Essen zwingt. Verzweifelt schaut sie mich an und erklärt, sie habe die Anweisung, die aufgetragene Menge, meiner Mutter zu verabreichen, egal wie. Später hat mir eine andere Altenpflegerin unter dem Siegel der Verschwiegenheit erzählt, wie hart die Schwesternschülerin nach meiner Beschwerde bei der Heimleitung gemaßregelt worden war. Sie hatte zudem die Anweisung erhalten, bei Besuchen von Angehörigen die Fütterung zu unterbrechen. Der BMI zwingt alle Altenpflegerinnen, alte, kranke und völlig wehrlose Menschen zu zwangsernähren. Ich selbst habe mehrere Jahre in Altenpflegeheimen Kurse für Bewohner durchgeführt und weiß, dass dieses Heim ein gutes Heim ist. Der BMI ist überall.” (kws)




5. März 2009 | Kategorie: Gesellschaft

4 Kommentare »

  1. Hoffentlich hat sich die Situation für Ihre Mutter gebessert. Ein großes Problem in Pflegeheimen ist, dass die Pflegekräfte auf der einen Seite völlig unterbezahlt sind. Auf der Gegenseite steht der enorme Zeitdruck. Leider hört man immer wieder Horrorgeschichten. Da hilft leider nur Druck seitens der Verwandschaft. Mein Tipp: Unangekündigte Besuche. Und das am besten zu unterschiedlichen Wochentagen und zu verschiedenen Uhrzeiten. Gruß, Linda

  2. Die Vorgabe zu einem bestimmten BMI soll ja verhindern, daß sich solche Horrorgeschichten über verhungerte alte Menschen bewahrheiten, die aus Zeitmangel und Bequemlichkeit nicht versorgt werden. Wenn eine alte Dame oder ein alter Herr nicht essen will, wird das dokumentiert und auch, dass das Essen und Trinken angeboten worden ist. Dies wird in der Regel von Prüfungsinstanzen akzeptiert. Es kommen dann wegen niedrigen BMI’s keine Vorwürfe oder Klagen.
    Ich kann nicht verstehen, daß dies in dem Heim nicht so gemacht wird, sondern die alte Dame zum Essen gezwungen werden soll! Das ist menschenunwürdig, und nicht nötig!

  3. Schreckliche Geschichte. Auch wenn der Kommentar von der Pflegerin mich wieder ein wenig beruhigt hat, wüsste ich zu gerne, wie man erfahren kann, ob ein Altenheim versucht, den BMI zwangsweise einzuhalten oder nicht. Wäre toll wenn da jemand genug Erfahrung hätte, um das zu beantworten. Gruß, Axel.

  4. Ich bin Altenpflegerin und habe schon in einigen Heimen gearbeitet. Aber so etwas hat es nicht in einem davon gegeben. Selbstverständlich haben wir ein Auge auf den BMI, denn wenn der zu tief in den Keller rutscht, ist das aus gesundheitlichen Gründen einfach nicht tragbar. Wenn jedoch ein Mensch in seinem Leben immer ein Gewicht um die 50 Kilogramm hatte, so wird dieses dokumentiert und mit den Angehörigen abgesprochen. Solange diese das Recht zur Betreuung haben, so können sie eine entsprechende Versicherung abgeben und bei uns per Unterschrift absichern. Dann sind wir Altenpfleger auf der sicheren Seite. Denn wenn es einem Menschen im Heim schlecht geht, liegt die Schuld automatisch bei uns. Wir stehen immer mit einem Bein im Gefängnis. Jedoch verstehe ich eines nicht: Wie kann man seine Mutter in einem Heim lassen, in dem Gewalt in der Pflege praktiziert wird, vor allem, wenn man es selbst bemerkt? Wenn die Heimleitung schon nichts macht, warum dann nicht Sie als Angehöriger?! Jeder Bewohner/Patient bedeutet für uns einen sicheren Arbeitsplatz. Wenn die Angehörigen auf die Barrikaden gehen, werden auch solche Heime irgendwann aufwachen.

    Lieben Gruss

    “Die Würde des Menschen ist unantastbar”

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