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„Also, wäre das meine Wirbelsäule…“

In den Fängen unzureichend ausgebildeter Ärzte

Der Juli des Jahres 2006 sollte der heißeste Juli seit Beginn der Wetteraufzeichnungen werden. Klaus L. fliest sein Badezimmer neu, der Schweiß rinnt ihm in Strömen den Rücken hinab. Die neue Gleitsichtbrille ist bei der Arbeit eher hinderlich, als dass sie nützt. Den Kopf unnatürlich hoch haltend versteht er die aufkommenden heftigen Schmerzen im Nacken und im Rücken als Folgen mit der Kopfhaltung einhergehender Verspannungen. Wenig später – die Arbeit ist erledigt -  verschwinden die Schmerzen wieder.

Zusammen mit seiner Frau fährt Klaus L. in den Urlaub. Nach wenigen Tagen werden die Kuppen dreier Finger seiner linken Hand taub. Betroffen sind Mittelfinger, Ringfinger und kleiner Finger. Das Taubheitsgefühl verschwindet nicht, so dass Klaus L., aus dem Urlaub zurückgekehrt, seinen Hausarzt aufsucht. Dieser untersucht ihn und stellt fest, es habe nichts mit dem Herzen zu tun. Mehr könne er dazu nicht sagen. Immerhin überweist er ihn zum Neurologen. Dieser nimmt eine Feder zur Hand und streicht Klaus L. damit über den linken und den rechten Arm. Dasselbe wiederholt er mit einem Wattebausch. Klaus L. solle sagen, ob er die Berührung links und rechts jeweils unterschiedlich intensiv wahrnehme. Das sei entschieden der Fall, sagt Klaus L. Links spüre er sehr wenig.
Der Neurologe veranlasst daraufhin die Durchführung einer Magnetresonanztomografie (MRT), auch als Kernspintomografie bekannt. Die MRT ist ein Verfahren, das insbesondere bei der medizinischen Diagnose eingesetzt wird, um Strukturen und Funktionen der Gewebe und Organe im Körper visuell darzustellen. Mit Hilfe der MRT können Schnittbilder erzeugt werden, welche die Beurteilung vieler krankhafter Veränderungen ermöglichen. Die angeordnete MRT wird in einer Klinik durchgeführt, von der Klaus L. aufgrund deren Selbstdarstellung glaubt, sie sei orthopädisch besonders qualifiziert. Anhand der Fotografien werden eine Entzündung an der Wirbelsäule zwischen den Schulterblättern sowie eine Verknöcherung des Nervenaustrittskanals diagnostiziert, was das Taubheitsgefühl verursache. Abhilfe könne nur das Aufbohren des Kanals schaffen, eine äußerst aufwändige Operation. Im Übrigen sei die Wirbelsäule von Klaus L. dermaßen abgenutzt, dass man besser nichts mache und abwarte, wie sich das Ganze entwickle.

Operation soll zu riskant sein

Bis Anfang Oktober 2006 verstärkt sich das Taubheitsgefühl so sehr, dass Lenz einen Termin beim Orthopäden vereinbart. Er muss acht Wochen warten. Anfang Dezember ist es endlich so weit; Klaus L. nimmt seine Fotos mit. Der Orthopäde schaut sich die Bilder an und stellt fest, sie seien zu alt, neue Bilder müssten gemacht werden. Er schickt Klaus L. in diejenige Klinik, in der er schon einmal war. Man kennt ihn. Und man wundert sich. Als nämlich die Bilder der neuen MRT vorliegen, ist die vormals diagnostizierte Entzündung  verschwunden. Wo er die denn habe behandeln lassen?  Allerdings ist, von der Entzündung abgesehen, das aktuelle Ergebnis identisch mit der früheren Erkenntnis. Der vermeintlich entscheidende Bereich, der verknöcherte Nervenaustrittskanal, wird auf den Bildern eingekreist und so besonders hervorgehoben.
Mit seinen Fotos unter dem Arm kehrt Klaus L. zum Orthopäden zurück. Da dieser scheinbar keine Ahnung davon hat, wie die MRT-Bilder zu lesen und zu verstehen sind, verlässt er sich auf die in der Klinik formulierte Diagnose. Er wendet sich Klaus L. zu und sagt: „Also, wäre das meine Wirbelsäule, ich würde nichts machen. Das wäre mir zu riskant.” Damit ist für Klaus L. das Thema Operation beendet. Er lebt zwei weitere Jahre mit dem tauben Gefühl in der linken Hand, die drei Finger kann er mittlerweile kaum mehr spüren.

Verzweifelt und hilflos

Wir schreiben den August 2008. Nach einem Tennisspiel brechen über Klaus L. heftige Schmerzen im Nacken, im Kopf und im Rücken herein, stärker als zwei Jahre zuvor. Während einer Dienstreise nach Bochum kann er in keiner einzigen Nacht schlafen. Die Schmerzen werden unerträglich. Nur im Stehen sind sie einigermaßen auszuhalten. Klaus L. spürt, dass der zentrale Schmerz vom Nacken ausgeht, sich aber in alle Richtungen ausbreitet. Als er wenige Tage später den Kopf nicht mehr hoch halten kann, vereinbart er erneut einen Termin bei seinem Orthopäden. Diesmal dauert es nur eine Woche voller Schmerzen. Der Arzt greift von hinten in die Nackenmuskulatur, Klaus L. schreit auf. Der Arzt verschreibt ein Schmerzmittel, einen Physiotherapeuten und ein neuerliches MRT.
In seiner Verzweiflung sucht Klaus L. auf eigene Initiative hin einen Masseur auf, um gegebenenfalls seine Wirbel einrenken zu lassen. Der Masseur wird tätig. Es knackt. Er glaubt, die Wirbelsäule von Klaus L. eingerenkt und damit das Übel beseitigt zu haben. Die Schmerzen jedoch werden schlimmer, so dass Klaus L. noch einmal hingeht. Der zweite Versuch verläuft genauso fruchtlos. Der Masseur drückt ihm die Visitenkarte eines Naturheilkundlers in die Hand.
Am Wochenende, genauer gesagt, in der Nacht vom 5. auf den 6. September 2008, ist Klaus L. nicht mehr in der Lage, gerade zu gehen. Das linke Bein kann er kaum noch kontrollieren. Er hat Angst. Er hat das Gefühl, nach und nach würden alle seine Funktionen abgeschaltet. Am Sonntag, dem 7. September 2008 bringt ihn seine Frau in die Notaufnahme des Hospitals. In der Notfallambulanz werden der Blutdruck gemessen, ein Schmerzmittel verabreicht und ein EKG gemacht. Das Schmerzmittel bricht Klaus L. zusammen mit dem Wasser wieder aus.

Hartnäckigkeit zahlt sich aus

Es ist Montag früh. Die Frau von Klaus L. fährt ihren Mann in die orthopädische Klinik der Universität. Es wird ihr klar gemacht, dass ihr Mann erst in die Ambulanz müsse, um den Notfall zu bestätigen. Dort angekommen finden verschiedene Untersuchungen statt, anschließend wird Klaus L’s Wirbelsäule im Bereich der Halswirbel geröntgt. Endlich stellt der Ambulanzarzt fest, es sei das Beste, eine Schmerztherapie durchzuführen. Das könne auch der Hausarzt machen. „Nehmen Sie Ihren Mann wieder mit.” Frau L. weigert sich. Sie hat Angst, dass ihr Mann zuhause zusammenbricht. Der Arzt dreht sich zu Klaus L. um: „Ihre Frau will Sie wohl quitt werden.” Frau L. bleibt unbeeindruckt und hartnäckig. Am Nachmittag ist der „Notfall Klaus L.” dokumentiert. Er erhält um 15 Uhr in der orthopädischen Klinik der Universität ein Bett.

Endlich die richtige Diagnose

Die Nacht übersteht Klaus L. mit Cortison und Schmerzmitteln. Am nächsten Morgen merkt er, dass seine Blase nicht mehr funktioniert. Er spricht die Krankenschwester darauf an. Die schüttelt bedenklich den Kopf und bemerkt, das höre sich aber gar nicht gut an. Kurze Zeit später wird Klaus L. zur MRT gefahren – schon wieder. Allerdings werden die Bilder dieses Mal umgehend ausgewertet. Die Ärzte, ein Neurochirurg, ein Radiologe und ein Orthopäde, vergleichen die Bilder mit den alten Aufnahmen. Nach vielfältigem Kopfschütteln kommt die einstimmige Feststellung: „In der Orthopädie sind Sie völlig falsch.” Die Ursache für das Leiden von Klaus L. sei ein Cavernom oder Hohlgeschwulst. Es handele sich dabei um eine Gefäßfehlbildung, die bei ihm auf Höhe des fünften Halswirbels gegen das Rückenmark drücke. Manchmal komme es dabei zu Blutungen. In Klaus Ls‘ Fall sei das Blut in den Spinalkanal gelaufen. Das habe auch zu den Ausfallerscheinungen und zu den Schmerzen geführt. Einer der Ärzte weist auf die nebeneinander am Leuchtkasten hängenden MRT-Bilder, die neuen und die alten. Es sei ihnen völlig unverständlich, dass das nicht schon vor zwei Jahren erkannt worden war. Auf den alten Bildern sei das Cavernom deutlich zu erkennen.

Erfolgreiche Operation

Am Mittwoch findet ein Gespräch mit dem Oberarzt statt, um die Diagnose zu bestätigen. Weitere Untersuchungen sollen andere Ursachen ausschließen. Klaus L. fragt den Oberarzt nach dessen Prognose. Dieser schaut ihn an und sagt, er würde es bereits als Erfolg werten, wenn er ihn stabilisieren könnte. Ohne Operation jedoch könne Klaus L. bald nichts mehr bewegen. An demselben Mittwoch fällt dessen linke Hand völlig aus. Am Donnerstag wird nochmals ein MRT gemacht.

Die Operation erfolgt am Freitag Mittag und dauert dreieinhalb Stunden. Die Neurochirurgen leisten Großartiges – beruhigend, dass es auch solche Ärzte gibt. Klaus L. wird wahrscheinlich nach langwieriger Behandlung in der Rehabilitation, stationär und anschließend ambulant, wieder vernünftig gehen können. Eine Physiotherapeutin hilft ihm dabei, die Feinmotorik in seinem linken Arm, der Hand und den Fingern wiederzugewinnen – vielleicht dauert es noch ein oder zwei Jahre. Klaus L. hat großes Glück gehabt. Hier drängt sich die Frage auf, inwieweit dieser Sachverhalt aus juristischer Sicht beurteilt werden kann und damit letztlich ein Fall für den Rechtsanwalt ist. (kws)




16. Oktober 2008 | Kategorie: Gesellschaft

Ein Kommentar »

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