Teufelskreis Medikamente
Er entsteht langsam, aber gründlich
Die Öffentlichkeit nimmt suchtkranke Menschen sehr viel stärker im Kontext mit Alkohol, Nikotin und Rauschgiften wie Heroin, Kokain oder Marihuana wahr, als mit Medikamenten. Diese werden üblicherweise dafür eingesetzt, Krankheiten zu bekämpfen. In manchen Fällen sollen sie Symptome oder Schmerzen mildern. Dann erfüllen sie auch einen Zweck, sind jedoch therapeutisch nur sehr eingeschränkt oder gar nicht wirksam. Fachleute schätzen, dass in Deutschland nahezu zwei Millionen Menschen wegen Missbrauchs abhängig von Schmerz- und Beruhigungsmitteln sind.
Der Pharmamarkt ist riesengroß. Der Umsatz der zehn wichtigsten Pharmaunternehmen betrug im Jahr 2007 weltweit 166,671 Milliarden Euro. Die Umsatzrendite lag bei über 25 Prozent – da kann allenfalls noch die Öl-Industrie mithalten! Entsprechend vielfältig sind die Produkte und diese stoßen auf eine hohe Nachfrage. Hat der Mensch Stress, kann er nicht schlafen, hat er Schmerzen, fühlt er sich schlapp oder hat er Husten, soll der Arzt dagegen ein Medikament verschreiben. Aber da gibt es ein Problem: Oft enthalten diese Medikamente Wirkstoffe, die schon nach kurzer Zeit süchtig machen.
Benzodiazepin macht den größten Anteil aus
Die bei weitem größte Gruppe der medikamentenabhängigen Menschen – rund 80 Prozent – ist süchtig nach sogenannten Benzodiazepin-Derivaten. Medikamente mit Benzodiazepin werden in der Psychiatrie angewandt, aber auch als Schlafmittel verschrieben. Sie bekämpfen Angstzustände, sie wirken krampflösend und muskelentspannend, sie beruhigen und fördern den Schlaf, sie hellen die Stimmung auf und man kann sich an wenig oder nichts während der Wirkungsdauer erinnern. Weil die Gefahr der Abhängigkeit sehr groß ist, sollte der Arzt diese Medikamente nur für einen kurzen Zeitraum und so niedrig dosiert wie möglich verschreiben. Bei Schlaflosigkeit wird dringend empfohlen, eine Verschreibung von Benzodiazepin auf maximal vier Wochen zu begrenzen. Unabhängig von dessen Suchtpotenzial kann Benzodiazepin insbesondere bei gleichzeitigem Alkoholgenuss zu Atemstillstand führen. Es unterdrückt zudem die sogenannte REM-Phase während des Schlafes und vermindert damit den Erholungseffekt und die psychische Erneuerung, die mit einem gesunden Schlaf verbunden sind.
Schmerzmittel mit Opioiden können bereits nach wenigen Wochen regelmäßiger Einnahme abhängig machen. Opioide werden überwiegend in der Schmerztherapie eingesetzt und sind dort ein unverzichtbares Hilfsmittel. Der Missbrauch von Opioiden führt neben der schnell eintretenden Abhängigkeit zu Atemnot, Verstopfung, Gallenkoliken, Entzündung der Bauchspeicheldrüse und zu vielen andere unangenehmen Symptomen, die durchweg lebensgefährlich sein können.
Gleiches gilt für Codein. Die den Opioiden eigene hustenmildernde Wirkung wird beim Codein genutzt. Daher ist es oft in Hustensäften enthalten. Codein ist ein Bestandteil des Morphins. Etwa zehn Prozent der eingenommenen Menge werden im menschlichen Körper in Morphin umgewandelt. Der Rest wird ausgeschieden. Codein war bis zur Jahrtausendwende im Heroin-Entzug ein übliches Mittel dafür, Heroin zu substituieren. Dann hat man gemerkt, dass die Entzugserscheinungen beim Codein noch mehr Probleme aufwarfen, als beim Heroin selbst. So war man davon abgekommen.
Hilfe in Anspruch nehmen
Aus der Medikamenten-Abhängigkeit herauszukommen ist schwierig und anstrengend. Irgendwann jedoch wird die Tablettensucht zum gesundheitlichen und sozialen Problem. Die Nebenwirkungen beherrschen ebenso wie Lethargie, Angst und Scham die Betroffenen. Spätestens jetzt sollte Hilfe in Anspruch genommen werden. Wurden die Medikamente vom Hausarzt verschrieben, sollte dieser gewechselt werden, ansonsten ist er ein Ansprechpartner. Suchtberatungsstellen sind für alle Betroffenen da, für die Abhängigen ebenso wie für deren Angehörige. Nach der Entziehung empfiehlt sich eine psychotherapeutische Begleitung, um der Rückfallgefahr vorzubeugen. Auch der Kontakt zu Selbsthilfegruppen ist empfehlenswert. (kws)
