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Geschichte einer Herztransplantation

Allen Widrigkeiten zum Trotz ins Leben zurückfinden

Rainer Gehring war ein gut trainierter Mann. Er trieb regelmäßig Sport, um Körper und Geist fit zu halten. Im Jahre 1996 merkt der damals 48-jährige Textilingenieur, dass er zunehmend mit Atemnot und körperlicher Schwäche zu kämpfen hat. Er lässt sich untersuchen. Die Diagnose lautet: Herzmuskelentzündung. Gehring sucht nach Gründen. Er hatte niemals Hochleistungssport getrieben, er hatte immer gesund gelebt.

Die plausibelste Erklärung scheint in einer familiären Disposition zu liegen. In seiner unmittelbaren Verwandtschaft traten Herzprobleme häufig als Krankheitsbilder in Erscheinung. Nach der bedrohlichen Diagnose arbeitet Gehring noch zwei Jahre lang weiter. Dann geht es nicht mehr. Im Jahr 1998 wird er in das Transplantationszentrum Bad Oeynhausen eingeliefert und auf die Transplantationsliste gesetzt. Erstaunlicherweise bessert sich nach seiner Entlassung der Zustand so deutlich, dass er sich von der Liste streichen lässt. Zu Hause kann er sogar wieder mit dem Fahrrad fahren sowie Ausflüge und andere leichte Aktivitäten unternehmen. Rainer Gehring und seine Frau Doris hoffen, dass sich trotz der chronischen Herzmuskelentzündung eine Transplantation umgehen lässt.

An ein künstliches Herz angeschlossen

Dann das Jahr 2005 -  ganz plötzlich geht es Gehring schlechter. Er hat Mühe, Luft zu bekommen und seinen Körper aufrecht zu halten. Nach dreimaligen akuten Dekompensationen und mehrmaligen Klinikaufenthalten wird Gehring ein Herzschrittmacher mit Defibrillator eingesetzt. Das ist ein Gerät, welches das immer wieder einsetzende Kammerflimmern unterbricht oder gar das bereits stehende Herz wieder zum Schlagen bringt. Ende des Jahres 2005 schließlich – Gehring kann nicht mehr schlafen – wird er auf Veranlassung seines Hausarztes wieder nach Bad Oeynhausen gebracht und zur Transplantation angemeldet.

Die Wartezeit auf ein passendes Herz muss Gehring mit Hilfe einer intra-aortalen Ballonpumpe und,  vier Wochen später, mit einem künstlichen Herz überbrücken. Er erhält eine Pumpe mit zwei Zugängen, einen für die linke, den anderen für die rechte Seite des Herzens. Die dicken Narben der Ein- und Ausgänge der Pumpe sind heute an seinem Bauch deutlich zu sehen. „Das ist schon ein merkwürdiger Anblick, das eigene Blut im Schauglas und durch die Plastikschläuche schimmernd, zu sehen, wie es auf der einen Seite hineinläuft, auf der anderen Seite hinaus”, erzählt er. „Und dann die ständigen Geräusche, die die Pumpe neben dem Bett macht”, so Gehring weiter. „Das ist ja ein Riesenapparat.” Gehring wird in der Folge mehrmals in ein künstliches Koma versetzt. In dieser Zeit magert er von 80 auf 48 Kilogramm ab und erleidet einen Schlaganfall. Gleichzeitig setzt eine Niereninsuffizienz ein, die eine begleitende Dialyse notwendig macht.

Ein neues Herz wird transplantiert

Irgendwann während des Komas entzünden sich die Hautpartien um die Ein- und Ausgänge des künstlichen Herzens. Jetzt drängt die Zeit. Gehring wird aus dem künstlichen Koma zurückgeholt. Der Schlaganfall hat seinen Körper noch schwächer gemacht. Er versucht, mit der Pumpe auf die Beine zu kommen, um seine Muskulatur wieder etwas aufzubauen und die Folgen des Schlaganfalls zu kompensieren. Das gelingt ihm nur unter größter Anstrengung und mit Hilfe eines Pflegers oder seiner Frau. So bleibt er zumeist im Rollstuhl. „Ich habe in dieser Zeit ungeheuer viele Träume gehabt”, sagt Gehring. „Einmal habe ich geträumt, ich sei im Iran geköpft worden und habe dann in einem Leichenhaufen in einem Container meinen Kopf gesucht und gefunden. Anschließend habe ich mir den Kopf aufgesetzt und mit Nadel und Faden angenäht. Und dann habe ich meine Flucht ausgeklügelt geplant und bin tatsächlich entkommen.” Gehring hat eine Menge solcher Geschichten geträumt. Viele hätten auch irgendwie mit der Realität zu tun gehabt. Eine hat die andere angestoßen. Auch habe er Vergangenes mit Aktuellem verbunden.

Obwohl er die meiste Zeit kaum bei Bewusstsein gewesen sei, seien die realen Einstellungen zunehmend durch seine Frau Doris, durch Verwandte und Freunde wieder in den Fokus gerückt. Auf die Frage, wie er denn auf die Nachricht reagiert habe, dass ein passendes Herz für ihn zur Verfügung steht, antwortet Gehring, davon habe er gar nichts mitbekommen. Seine Frau Doris reagiert auf diese Aussage überrascht und erzählt, am 5. Juni 2006 sei um 18 Uhr die Tür geöffnet worden, ein Arzt habe das Zimmer betreten und zu ihnen beiden gesagt, es sei so weit. Es müssten nur noch die üblichen Untersuchungen vorgenommen werden. Wenn geklärt sei, dass das Herz wirklich passe, könne umgehend mit der Transplantation begonnen werden. Um 21 Uhr geht Doris Gehring nach Hause. Um 21 Uhr 30 klingelt das Telefon. Ein Arzt am anderen Ende der Leitung teilt ihr mit, das Herz passe. Doris Gehring kann vor Aufregung nicht schlafen. Die Transplantation beginnt eine halbe Stunde vor Mitternacht. Sie dauert fünfeinhalb Stunden. Um fünf Uhr früh erreicht Doris Gehring telefonisch die Nachricht, alles sei gut verlaufen.

Nach mehrfachem Lungenkollaps künstlich beatmet

Gehring kann nicht sagen, wann er das erste Mal das neue Herz bewusst wahrgenommen hat. Denn bereits kurz nach der Operation erleidet er einen Kollaps des rechten Lungenflügels. Von nun an wird er die meiste Zeit künstlich beatmet. In der Folge kollabiert der Lungenflügel noch mehrere Male. Ursache dafür ist ein zu hoher Stand des Zwerchfells. Die Kollapse führen zu weiteren Lähmungen, zur völligen Ohnmacht und zu einer weiteren Schädigung der Nieren.

Zu diesem Zeitpunkt hat Gehring die meisten Träume, wobei er Traum und Realität oft nicht auseinanderhalten kann. So wird er später einem Onkel erzählen, er habe sich neben Bad Oeynhausen und Hannover auch in Berlin und Teheran aufgehalten. Er ist davon überzeugt. Dennoch werden die Sehschlitze zur Realität langsam breiter, damals von anfangs einem Millimeter bis zu etwa einem Zentimeter, wie Gehring erzählt und den Abstand zwischen Daumen und Zeigefinger visualisiert. Dass er ein neues Herz hat, dringt zwar langsam in sein Bewusstsein, wird jedoch von anderen Wahrnehmungen ständig überlagert, insbesondere davon, dass er nicht sprechen kann. Eine Sprechkanüle ermöglicht es ihm zeitweilig, sich wenigstens rudimentär zu äußern. Die Kanüle muss aber nach kurzer Zeit wieder entfernt werden. Auch ist ihm klar, dass er möglichst schnell wieder selbständig atmen lernen muss. Deshalb wird er zur Entwöhnung von der Langzeitbeatmung nach Hannover in das Klinikum Region Hannover- Krankenhaus Oststadt-Heidehaus verlegt.

In der Rehabilitation zurück ins Leben

Nach vier Wochen kann Gehring wieder selbst atmen. Auch das neue Herz funktioniert tadellos. Aber Gehring ist gelähmt, er kann nicht gehen. Noch vor Weihnachten soll er in eine  Rehabilitationsklinik für Schlaganfallpatienten verlegt werden. Er kann es kaum erwarten. Am 15. Dezember 2006 endlich wird er in die Aatal-Klinik Wünnenberg gebracht – vorläufig auf die Intensivstation wegen der notwendigen Dialysen und weil er sich nicht mehr bewegen kann. So verbringt er die ersten Wochen im Bett. Die Sehschlitze zur Realität werden täglich breiter – das Bewusstsein kehrt zurück und die Gewissheit: Jetzt wird alles besser. „Die Reha war eine Erlösung für mich. Jetzt konnte ich endlich selbst daran arbeiten, wieder funktionsfähig zu werden”, berichtet Gehring. „Ich habe immer mehr wahrgenommen und zählte die Stunden, wann endlich Doris kommt. Als ich das erste Mal zwei Sekunden lang auf dem Stehbrett stand, habe ich mich gefreut, wie ein kleines Kind.” Und tatsächlich, die Erfolge treten ein, stehen lernen, laufen lernen, mühsam, langsam, aber immer besser. Wenn der Physiotherapeut mit ihm zehn Meter geht, geht er mit seiner Frau zwanzig Meter. Auf jeden Meter mehr ist Gehring stolz. Und plötzlich schafft er es, ohne Hilfe zu gehen.

Mit der Bewusstseinserweiterung nimmt Gehring jedoch auch andere Umstände wahr, die bis dahin keine Rolle gespielt haben. „Wissen Sie”, sagt er, „erstens können Sie ja nicht alleine zur Toilette gehen und zweitens, weil auch der Schließmuskel in Mitleidenschaft gezogen worden war, kriegen Sie das nicht so geregelt, wie Sie wollen. Diese Peinlichkeit, wenn was schief gegangen ist, hat mich ganz schön fertig gemacht. Ich habe mir tatsächlich genau überlegt, wann ich was esse, damit ich den Stuhl – na ja – qualitativ und zeitbezogen kontrollieren konnte. Genauso schwierig ist das mit dem Gewaschen-Werden. Vorher habe ich mir keine Gedanken darüber machen können, wer mich wo gewaschen hat. Es ist einfach peinlich, wenn Sie egal von wem an intimsten Stellen gesäubert werden müssen.”

Rainer Gehring hat sich selbst nie aufgegeben. Er wird am 04. April 2007 aus der Aatalklinik entlassen. Heute kann er wieder normal sprechen und normal gehen. Er muss vorsichtig sein, um das neue Herz nicht zu sehr zu belasten. Er ist dem Spender des Herzens dankbar, den Ärzten und – mit ganz wenigen Ausnahmen – den Pflegerinnen und Pflegern. Er ist seiner Frau Doris dankbar, seinen beiden Töchtern und all den Verwandten und Freunden, die stets für ihn da waren und ihn regelmäßig besucht haben. Diese Besuche haben seines Erachtens wesentlich zu seiner Genesung beigetragen. Jetzt muss nur noch ein lächerlich kleines Problem aus der Welt geschafft werden, seine Nieren. Rainer Gehring hat darüber nachgedacht, ob er das Angebot seines Bruders wahrnehmen kann, einfach eine Niere von ihm zu nehmen. Er, sein Bruder, habe ja zwei davon. Rainer Gehring hat sich entschieden. Ja. (kws)




22. August 2008 | Kategorie: Gesellschaft

2 Kommentare »

  1. Ich 44J. bin total begeistert über diese Kraft und Lebenswillen. Ich bin selber HTX- Wartepatientin und denke oft wie soll ich das alles was auf mich zukommt schaffen. Ich habe mir nachdem ich diesen Bericht gelesen habe, vorgenommen Rainer als Vorbild zunehmen und genauso stark zusein.

    Vielen Dank für soviel Mut und Liebe zum Leben.

  2. Hallo Rainer! Ich bin durch Zufall auf Deinen Bericht gestoßen. Ihr habt alle viel durchgemacht und ich war schockiert über all das, was Dir passiert ist und dass Du dennoch die Kraft und den Willen hattest, zu kämpfen.

    Ich wünsche Euch weiterhin viel Kraft, Glück und Gesundheit.

    Viele liebe Grüße von Jenny Volter

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