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Down-Syndrom-PraenaTest wird kommen

Baden-Württemberg will kein Verbot aussprechen

Der umstrittene Bluttest wird nach derzeitigem Erkenntnisstand trotz aller Bedenken und Gutachten eingeführt werden. Nach Angaben des baden-württembergischen Sozialministeriums in Stuttgart sei kein Verbot vorgesehen, weil es dafür nach dem Gendiagnostikgesetz an den rechtlichen Voraussetzungen mangele. Der Hersteller des Tests, die LifeCodexx AG, ein Tochterunternehmen der GATC Biotech AG, dem nach eigenen Aussagen in Europa führenden DNA-Sequenzierungs-Unternehmen, ist im badischen Konstanz ansässig. Damit ist für die Zulassung von PraenaTest das Land Baden-Württemberg zuständig.

Noch im Juli 2012 werde PraenaTest, ein nicht invasiver molekulargenetischer pränataler Diagnostiktest zur Bestimmung von Trisomie 21 (Down Syndrom), in Deutschland, Österreich und der Schweiz verfügbar sein, so der Hersteller, die LifeCodexx AG in Konstanz. Der Test soll noch im Juli in spezialisierten Praxen eingeführt werden. Die Kosten werden nicht von den Krankenkassen übernommen und sollen rund 1.200 Euro betragen.

Fruchtwasseruntersuchung birgt Risiken

Bislang kann nur über eine Amniotentese (Untersuchung des Fruchtwassers) eine DNA-Analyse vorgenommen werden. Da zu diesem Zwecke, nach Ultraschall zur Bestimmung der Lage des Fötus, eine dünne Hohlnadel von außen durch die Bauchdecke in die Fruchtblase gestochen wird, gilt der Eingriff als riskant. Es können neben Verlust von Fruchtwasser Blutungen oder Infektionen auftreten, der Fötus kann verletzt werden oder es tritt gar eine Fehlgeburt ein. Eine Amniotentese wird in der Regel dann nahe gelegt, wenn das Risiko einer Fehlgeburt niedriger ist, als das Risiko einer Erbkrankheit. Dies gilt in besonderem Maße für Spätgebärende.

Punktion überflüssig

Da der neue Test mit der Untersuchung des Blutes der Mutter anstelle einer Punktion der Fruchtblase eine relativ risikolose Möglichkeit bietet, geistige Behinderungen beziehungsweise genetische Defekte beim Embryo festzustellen, hat das Bundesforschungsministerium unter Ministerin Annette Schavan (CDU) die Entwicklung des Tests finanziell gefördert. Innerhalb des Deutschen Bundestages wie auch  im baden-württembergischen Landtag besteht Uneinigkeit. So verstößt nach Ansichten des baden-württembergischen Behindertenbeauftragten Gerd Weimer, der CDU-Fraktion in Stuttgart sowie des Behindertenbeauftragten der Bundesregierung, Hubert Hüppe, der pränatale Test gegen das Recht auf Leben.

Rechtmäßigkeit bestritten

Ein Rechtsgutachten bestreitet die Vereinbarkeit des Tests mit dem Gendiagnostikgesetz. Ausgearbeitet wurde es von Dr. Klaus Gärditz, Professor für öffentliches Recht an der Universität Bonn, vormals Verwaltungsrichter in Rheinland-Pfalz und anschließend wissenschaftlicher Assistent an der Universität Bayreuth. In dem Gutachten wird zudem darauf verwiesen, dass es sich bei PraenaTest um ein nicht verkehrsfähiges Medizinprodukt handele, weil es die Sicherheit und Gesundheit der Ungeborenen gezielt gefährdet.

Hüppe, bis 2009 CDU-Bundestagsabgeordneter, betonte, es gehe beim Bluttest ausschließlich um die Selektion von Menschen mit Down-Syndrom. „Bereits heute wird in über 90 Prozent aller Fälle abgetrieben, wenn ein Down-Syndrom beim Kind diagnostiziert wird. Mit dem neuen vermeintlich ‚einfacheren‘ Test steht zu befürchten, dass die Rasterfahndung nach Menschen mit Down-Syndrom noch verstärkt wird….Gleichzeitig steigt der Druck auf Frauen, den angeblich risikoärmeren Test durchführen zu lassen und bereits bei auffälligem Befund abzutreiben. Frauen, die ein Kind mit Down-Syndrom austragen, werden sich zukünftig noch mehr rechtfertigen müssen.“

Eine Grundsatzfrage

Lapidar äußerte sich der Präsident der Bundesärztekammer, Dr. Frank Ulrich Montgomery, mit seiner Feststellung, dass sich das Rad nicht mehr zurückdrehen lasse, weil sich die Gesellschaft für Pränatal-Diagnostik entschieden habe. Es sei besser, den Bluttest anzuwenden, als die risikoreiche Fruchtwasseruntersuchung vorzunehmen. Den Kritikern antwortete Montgomery, dass der Kern des Problems nicht die neue Diagnose-Methode sei. Vielmehr gehe es um die Pränatal-Diagnostik und ihre Konsequenzen insgesamt. Dabei bestätigte er die Aussage Hüppes, dass es bereits heute in 95 Prozent aller Down-Syndrom-Diagnosen zur Abtreibung komme. (kws)




11. Juli 2012 | Kategorie: Gesellschaft

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