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Zauberbergmanifest löst Diskussionen aus

Performance des Regisseurs Franz-Josef Becker polarisiert

Von Petra Michael

Wer der Performance „Zauberbergmanifest – im neunten Bett stirbt man nicht“ in der Villa Eschbaum auf dem Gelände der Universitäts-Kinderklinik Bonn beigewohnt hat, geht mit zwiespältigen Gefühlen nach Hause. Dreieinhalb Stunden sind nicht gerade wenig, dies insbesondere für Geister, die schnell zu dem einen Höhepunkt auf möglichst kurzweiligem Wege kommen wollen. Genau hier liegt die Crux – es gibt diesen einen Höhepunkt nicht. Wer mitmacht, muss sich ständig vor Augen halten, dass es zu jeder Sekunde, Minute und Stunde um die Angst und das Leiden der von Krebs betroffenen Kinder und Jugendlichen geht.

Im ersten Raum geschieht das, was die meisten Menschen aus eigener Erfahrung kennen. Der Gang zum Arzt und in die Klinik wird zur Geduldsprobe: Warten, Formulare ausfüllen, warten, Fragen beantworten, warten, warten, Diagnose, warten. Die betroffenen Kinder und Jugendlichen spüren, dass sich etwas Ungewöhnliches, etwas Gefährliches, etwas Böses anbahnt. Hilflos ausgeliefert klammern sie sich an Eltern, die genauso hilflos sind und die darüber hinaus ihre eigenen Ängste an die Kinder weitergeben. Endlich ist es so weit. Die Besucher werden einzeln in den zweiten, völlig dunklen Raum gebeten. Er ist die Metapher für die Einsamkeit der krebskranken Kinder.

Fast alle singen mit

Immer mehr Menschen betreten den Raum. Ab und zu leuchtet kurz eine Taschenlampe auf. Haben sich die Augen an die Dunkelheit gewöhnt, kann der Besucher ganz schwach drei leere Klinikbetten erkennen und vier völlig weiß gekleidete Männer mit Fliegen – das Kuckucksnest lässt grüßen. Zudem steht ein elfenhaftes Wesen auf dem Fensterbrett, dem Raum den Rücken zugewandt. Es wird sich im Laufe des gesamten Abends ohne ein einziges Wort zu sagen durch sämtliche Räume bewegen. Es wirkt, als ob es bereits in der Klinik lebt, seit es denken kann.

Blick in den Marathontanzsaal

Eine Krankenschwester betritt den Raum und fordert einen der Besucher auf, dem virtuellen Kind in Bett eins im Lichte einer Taschenlampe eine Geschichte vorzulesen – Taschenlampenlicht ist für die überlebenden Kinder eine der bleibenden Erinnerungen. Anschließend darf ein anderer Besucher dem Kind in Bett zwei ein Gute-Nacht-Lied zum Einschlafen vorsingen. Am Abend meines Besuches haben alle Besucher mit eingestimmt. Zu guter Letzt wird ein Besucher aufgefordert, mit dem Kind in Bett drei zu beten. Schließlich ertönen aus den Betten Kinderstimmen. Sie sprechen durcheinander. Nur wer genau hinhört, versteht, worum es geht. Es sind Erfahrungsberichte.

Durchhalten und an die Kinder denken

In einer Ecke wird es hell. Die Besucher müssen ihre Hände desinfizieren und einen Mundschutz anlegen. Eine Schiebetür öffnet sich und wir betreten einen in rotes Licht getauchten, nebligen Raum, dessen Boden mit Luftballons übersät ist. Nach der Begrüßung durch den unsichtbaren Gastgeber, der die Besucher darüber aufklärt, dass jetzt getanzt werden muss, um Menschenleben zu retten, werden wir aufgefordert, Lose zu ziehen. Im Raum befinden sich neben dem Aufsichtspersonal, den Krankenschwestern und zwei Jury-Mitgliedern vier sogenannte Kandidaten, die die Krebskranken verkörpern. Sie erhalten jeweils mehrere Besucher zugeordnet, die für sie tanzen müssen. Musik erklingt. Der Tanzmarathon beginnt als Symbol für Ausdauer, Härte und Durchhaltevermögen – Eigenschaften, die jeder Krebskranke entwickeln muss, wenn er weiterleben will. Für Kinder und Jugendliche ein noch härterer Kampf. Ein weiterer Kandidat taucht auf. Er ist zu spät gekommen und er hat niemanden, der für ihn tanzen kann. Es bahnt sich ein Konflikt an, weil er versucht, Marathontänzer von anderen Kandidaten abzuwerben.

Im Laufe des endlosen Tanzes werden immer wieder Tänzer ins Labor oder an den Empfang gebeten. Im Labor erwartet sie eine Blut- oder Urinuntersuchung, vom Empfang aus werden sie in weitere Räume geleitet. In einem wird gepokert, eine Metapher für das Glücksspiel „Krebs“, in diesem Falle ein Spiel zwischen Leben und Tod. In einem anderen Raum findet ein Schokolade-Wettessen statt, welches die in Aussicht gestellte Belohnung für Kooperation spiegelt. Allerdings hat kaum jemand eine Chance, an die Belohnung heranzukommen. Das Problem: Wer aus dem Tanzsaal gerufen wird, kann nicht mehr für seinen Kandidaten tanzen. Und je weniger für einen Kandidaten tanzen, desto schlechter geht es diesem. So verschwindet denn auch einer von ihnen.

Ernst oder gespielt?

Der Marathontanz hört einfach nicht auf. Der Mundschutz macht das Atmen zur Qual. In mir wächst das dringende Gefühl, keine Lust mehr zu haben. Dann fällt mir schlagartig ein: Die Kinder haben auch keine Lust mehr. Sie müssen durchhalten und wissen nicht, ob sie weiterleben dürfen. Ich selbst muss nur den einen Abend aushalten. So lange will ich wenigstens doch noch dabei sein. Mein Kandidat versucht, mich aufzumuntern. Der Tanzsaal füllt sich wieder. Dann der Zusammenbruch eines Kandidaten. Ich weiß nicht ob er echt oder gespielt ist. Ich bin entsetzt. Alles brüllt nach einem Arzt. Die Musik hört abrupt auf. Die teilnahmslosen Gesichter einiger Männer vom Aufsichtspersonal beruhigen mich. Das kann nicht echt sein. Eine Stimme fordert uns auf, das Gebäude über den Balkon nach hinten in den Garten zu verlassen. Wir werden durch eine Lichtergasse in ein großes Zelt geleitet. Decken werden verteilt und wir setzen uns auf bereitstehende Stühle. Ein Teewagen wird hereingefahren. Es gibt für uns Zwieback und Kamillentee zur Stärkung. Der einsetzende mehrstimmige Live-Gesangsteppich lässt meine Emotionen wieder „herunterfahren“.

Die Performance dauert lange, dem einen oder anderen wahrscheinlich zu lange. Der Tanz an der Grenze zwischen Realität und Spiel ist faszinierend. Der Selbsterfahrungseffekt ist hoch. Das haben offenbar viele andere Besucher ebenso empfunden – zumindest war das dem Gästebuch entnehmen. Für mich hat sich der Besuch allemal gelohnt.




19. Oktober 2011 | Kategorie: Gesellschaft

Ein Kommentar »

  1. Danke fürs (Nach)-Denken und die notwendige Reflektion!

    Iduna von Stängel = Kandidatin

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