logo

Seuchen wieder im Vormarsch

Europa muss sich gegen Pandemien rüsten

Krankheits-Epidemien sind im Bewusstsein der modernen Menschen als jederzeit präsente Gefahr – vielleicht mit Ausnahme von AIDS – nicht richtig angekommen. Wer von Krankheits-Epidemien spricht, denkt meist an solche, die zeitlich oder räumlich weit entfernt von uns sind. Und tatsächlich scheinen wir einige Seuchen überwunden zu haben.

Grafik von Klaus W. Schmidt

Das gilt beispielsweise für die Pest, die seit dem 17. Jahrhundert als „Der Schwarze Tod” bezeichnet wird. Die erste bekannte Pestpandemie breitete sich unter der Herrschaft des römischen Kaisers Justinian im sechsten Jahrhundert von Ägypten ausgehend über Europa aus und wütete über fünfzig Jahre lang. Im Sommer des Jahres 1347 gelangte die zweite Pestpandemie aus Zentralasien kommend über die Halbinsel Krim nach Konstantinopel, von wo aus der Erreger mit Schiffen auf die meisten Hafenstädte des Mittelmeeres verteilt wurde. Innerhalb kürzester Zeit überzog die Pest ganz Europa. Im Jahr 1353 wurden in Russland die letzten Fälle dieser Pandemie dokumentiert. Die Zahl der Todesopfer damals wird auf rund 18 Millionen geschätzt, was etwa dreißig Prozent der europäischen Gesamtbevölkerung des 14. Jahrhunderts entsprach. Zahlreiche weitere Pestepidemien folgten in Abständen von zehn bis vierzig Jahren bis zum Beginn des 18. Jahrhunderts, beispielsweise die Pest von 1681 in Prag, die 83.040 Tode forderte. Eine große Pestepidemie, die im Jahre 1860 ihren Ursprung in China hatte, führte zur dritten Pandemie. Sie verursachte vierzig Jahre lang eine globale Streuung des Erregers bis nach Südamerika, Nordamerika und Südafrika. Heute gibt es noch Naturherde des Erregers in den Bergwald- und Savannenregionen Nord- und Südamerikas, in Zentral-, Ost- und Südafrika, in Madagaskar sowie in Zentral- und Südostasien.

Die Pest stand nicht alleine

Nicht nur die Pest hat Millionen von Todesopfern gefordert. Auch die schwarzen Pocken verbreiteten Angst und Schrecken. Der Unterschied zwischen beiden Krankheiten liegt hauptsächlich im Krankheitserreger selbst: Die Pest wird von dem Bakterium Yersinia Pestis ausgelöst. Für die Übertragung sind Rattenflöhe verantwortlich, die mit dem Bakterium Nagetiere infizieren, die es wiederum an andere Nager und den Menschen weitergeben. Die Pocken dagegen werden von einem Virus, Variola Major, ausgelöst. Ganz nebenbei bemerkt wurden damals bei der militärischen Musterung von Rekruten Pockennarbige bevorzugt behandelt, weil sie immun gegen die Krankheit waren.

Die schwarzen Pocken sind seit Jahrtausenden bekannt und vermutlich schon im Alten Testament beschrieben. Mit großer Wahrscheinlichkeit wurden sie von römischen Legionen im Jahr 165 aus Mesopotamien im heutigen Irak nach Italien gebracht, von wo aus sie sich schnell bis zur Donau und zum Rhein ausbreiteten. Diese sogenannte Antoninische Pest dauerte rund zwanzig Jahre und forderte etwa zehn Millionen Tote. Ab 1096 beteiligten sich auch zurückkehrende Kreuzritter in erheblichem Maße an der rasanten Verbreitung der Pocken in Europa. Im frühen 16. Jahrhundert hatten sich die Pocken weltweit durchgesetzt. Pockenepidemien wüteten in England und Westindien. Nach Zentralamerika gelangte Variola Major durch den Sklavenhandel und nach Mexiko durch die Truppen von Hernando Cortez, wo innerhalb von zwei Jahren dreieinhalb Millionen Menschen starben. Das 17. und 18. Jahrhundert in Europa war von zahlreichen Pocken-Endemien und -Epidemien geprägt. Jährlich starben etwa 400.000 Menschen. Noch bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts mussten die Menschen mit der Seuche kämpfen, so im Jahr 1950 in Glasgow, 1957 in Hamburg, 1963 in Breslau und 1967 in der gesamten Tschechoslowakei.

Eine weitere Seuche schleppten Ende des 15. Jahrhunderts wahrscheinlich Kolumbus und seine Schiffsbesatzung bei ihrer Rückkehr vom amerikanischen Kontinent ein: Die Syphilis. Sie veränderte das gesellschaftliche Leben in Europa schlagartig. Ihr Erreger ist das Schrauben-Bakterium Treponema Pallidum Pallidum.

Menschenversuche ermöglichten erste Impfungen

Schon früh gab es Versuche, der verschiedenen Krankheits-Epidemien mit Hilfe von Impfungen Herr zu werden. So brachte bereits Anfang des 18. Jahrhunderts die Schriftstellerin Lady Mary Wortley Montagu die Methode des leichten Infizierens mit Pockenviren aus dem Osmanischen Reich mit, wo Ärzte die Haut mit einem Messer ritzten, um kontrolliert Menschenpocken-Erreger einzuführen. Auf diese Weise konnte tatsächlich eine gewisse Immunität erreicht werden. Gegen den Widerstand vieler damaliger Fachleute, jedoch mit Unterstützung des englischen Königs George I., setzte sich diese Art des Impfens durch. George I. ließ mehrere Versuche an Waisenkindern und Verbrechern durchführen, bevor er seine eigenen Enkel mit der Methode des Ritzens impfen ließ. Obwohl von dieser Zeit an das Impfen mit echten Menschenpocken-Erregern gebräuchlich war, blieb es – zu Recht – sehr umstritten.

Ende des 18. Jahrhunderts schließlich entwickelte der Engländer Edward Jenner die moderne Methode der Pockenimpfung. Als Landarzt hatte er täglich Kontakt zur bäuerlichen Bevölkerung. Hier konnte er beobachten, dass Mägde, die pockeninfizierte Kühe molken, selbst Pusteln an den Händen hatten, jedoch nicht an Pocken erkrankten. Auch wenn allgemein die Übertragbarkeit von Kuhpocken auf den Menschen ausgeschlossen wurde, entschloss er sich im Jahr 1796, einen Menschenversuch zu wagen. Er öffnete Kuhpockenblasen, entnahm die Flüssigkeit, impfte damit einen Jungen und infizierte ihn anschließend mehrere Male mit Menschenpocken. Der Junge blieb gesund. So wurde die Basis für die Ausrottung der Pocken gelegt.

WHO scheint erfolgreich

Im Jahr 1967 erklärte die Weltgesundheitsorganisation (WHO) ungeachtet der nicht unerheblichen Risiken die Pockenimpfung weltweit zur Pflicht. 1979 konnte die WHO verkünden, dass die Pocken ausgerottet sind. Flächendeckende Impfungen zum Zwecke der Ausrottung von Krankheiten sind natürlich nur da sinnvoll, wo diese ausschließlich von Mensch zu Mensch übertragen werden können. So erklärte die WHO am 21. Juni 2002, Europa sei frei von Poliomyelitis, der Kinderlähmung. Bei den Masern soll dieses Ziel bis zum Jahr 2010 erreicht werden.

Übertragung von Tieren auf Menschen ist schwer zu kontrollieren

Die Ursachen für die unterschiedlichen Krankheiten, die sich epidemisch oder auch pandemisch ausbreiten können, sind vielfältig. Verunreinigtes Trinkwasser hatte im 19. Jahrhundert vier Cholera-Pandemien zur Folge. Der Ursprung der letzten lag in Indien und forderte im Jahre 1892 sogar in Hamburg 9000 Tote. Tiere – auch tierische Lebensmittel oder mit Kot gedüngtes Gemüse – können Infektionskrankheiten, sogenannte Zoonosen übertragen, beispielsweise Durchfallerkrankungen durch Salmonellen, Campylobacter oder Shigellen, das Hämolytisch-Urämische Syndrom (HUS) durch enterohämorrhagische Coli-Bakterien, die Tollwut, die Toxoplasmose, FSME, Borreliose, Malaria, Gelbfieber, Dengue-Fieber, Lassa-Fieber, Leishmaniose, Bandwürmer und vieles mehr. Gegen Zoonosen helfen in der Regel – außer Impfungen – nur Antibiotika und Hygiene. Mitverantwortlich für die Ausbreitung von Mücken und Zecken, die solche Krankheiten übertragen, ist der globale Klimawandel. So haben sich FSME und Borreliose bis vor dreißig Jahren weitgehend auf Süddeutschland und Österreich beschränkt. Mittlerweile wurde jedoch die Mainlinie weit nach Norden hin überschritten.

Völlig neu hierzulande ist die kleine, nur zwei Millimeter lange Sandmücke, die Überträgerin der Leishmaniose. Sie ist normalerweise in den Tropen beheimatet und hatte es in die Mittelmeerländer geschafft. Als sie in Deutschland entdeckt wurde, wollte das erst einmal niemand glauben. Aber, sie ist tatsächlich da.

Moderne Seuchen sind im Vormarsch

Die heute weltweit verbreitetsten Infektionskrankheiten sind AIDS (Erworbenes Immunschwäche-Syndrom), Malaria, Tuberkulose und Influenza (die echte Grippe).

AIDS wurde erstmals 1981 beschrieben. Der Auslöser von AIDS, das „Humane Immundefizit-Virus” HIV, ist ein sogenanntes „Retrovirus”. Es besitzt nicht die übliche DNA als Trägerin der Erbinformationen, sondern eine Kopie aus RNA. Von einem Retro-Virus spricht man, weil die genetische Information zum Eiweiß in umgekehrte Richtung verläuft. Man kennt heute zwei HIV-Typen, die wiederum weitere Unterarten besitzen. Alle sind genetisch betrachtet deutlich voneinander verschieden. Diese hohe Wandlungsfähigkeit des HIV macht ihn auch so einzigartig und gefährlich. Es ist in der Lage, seinen genetischen Code, damit seine Hülle und seine Zugänge, so schnell zu wechseln, dass eine Impfung fast unmöglich erscheint. Für eine Impfung benötigte man möglichst gleichbleibende Oberflächenstrukturen, die es beim HIV nicht gibt. Das ist so, wie wenn eine abgeschlossene Zimmertür ein Schloss besäße, dessen Profil sich ständig verändert und der passende Schlüssel niemals schnell genug nachgemacht werden kann. Ist ein neuer Schlüssel da, passt er schon wieder nicht mehr.

HIV wird nicht ernst genug genommen

Beim HIV handelt es sich wahrscheinlich um ein Virus, das ursprünglich bei Meerkatzen und Schimpansen vorkommt und sich erst an den Menschen adaptiert hat. Der von Verschwörungstheoretikern gelegentlich geäußerte Verdacht, es handele sich um ein perfides, künstliches Virus-Design, entwickelt in einem geheimen Biochemie-Labor auf Haiti, von der US-Regierung zu militärischen Zwecken in Auftrag gegeben, entbehrt zwar nicht eines gewissen dramaturgischen Charmes, lässt sich aber nicht belegen. Das HIV wird überwiegend durch sexuellen Kontakt von einem Menschen zum anderen übertragen. In Deutschland ist die bei weitem gefährdetste Gruppe die der männlichen Homosexuellen (MSM) mit 66 Prozent, gefolgt von Heterosexuellen (HET) mit 17 Prozent. Menschen aus sogenannten Hochprävalenzländern (HPL) – das sind Länder mit einem hohen HIV-Anteil in der allgemeinen Bevölkerung – sind mit elf Prozent beteiligt. Wahrscheinlich bringen sie die Krankheit meist schon aus ihren Ursprungsländern mit. Sechs Prozent der Betroffenen sind Drogenabhängige (IVD), die sich ihre Rauschmittel intravenös spritzen. In diesem Zusammenhang wurde im ersten Halbjahr 2007 bei 16 Neugeborenen das HIV diagnostiziert, von der Mutter auf den Embryo übertragen.

Trotz anders lautender Meldungen aus dem Sommer 2006, wonach in Schweden ein Impfstoff gegen AIDS erfolgreich getestet worden sein soll, bleibt festzuhalten, dass es de facto noch immer keine Schutz-Impfung gegen diese Krankheit gibt. So kann nur weitgehende Monogamie oder der geschützte Geschlechtsverkehr dabei helfen, sie zu vermeiden. Leider wird diese Empfehlung all zu oft nicht akzeptiert, was weltweit eine rasante Ausbreitung von AIDS zur Folge hat. Besonders verheerend wirkt sich das in Afrika aus, wo schon sehr viele Neugeborene mit AIDS infiziert sind. Aber auch in Asien haben sich AIDS-Infektionen stark vermehrt. In Deutschland gab es im Jahr 2007 2.752 Neuinfektionen und 1.523 Neuerkrankungen. Bei den Neuinfektionen entspricht das einer Zunahme von vier Prozent gegenüber 2006. Insgesamt sind in Deutschland rund 33.800 Menschen an AIDS erkrankt. Weltweit tragen das HIV derzeit etwa vierzig Millionen Menschen in sich.

Malaria entwickelt sich zur globalen Bedrohung

An Malaria erkranken jährlich 100 Millionen Menschen, etwa eine Million davon, darunter besonders viele Kinder, sterben daran. Vierzig Prozent der Weltbevölkerung sind von Malaria betroffen. Da es keine Impfung gegen Malaria gibt, empfiehlt es sich dringend, bei Reisen in Malariagebiete eine Tablettenprophylaxe vorzunehmen und überdies vor Ort sich vor den übertragenden Insekten zu schützen. Im Jahr 2006 gab es bei Rückkehrern aus Malariagebieten 566 Erkrankungen mit vier Todesfällen.

An der Malariafront tut sich noch viel mehr. Mitverantwortlich ist einmal mehr die Klimaerwärmung. So ist eine nicht ganz so bösartige Form der Malaria, die Malaria Tertiana, in den europäischen Mittelmeerländern durchaus präsent und hat auch in unsere Breiten zurückgefunden. Kürzlich jedoch wurde die Anopheles Plumbeus, diejenige Art, die auch die lebensgefährliche Malaria Tropica übertragen kann, bei uns nachgewiesen. Noch hat der eigentliche Erreger der Krankheit ein Handicap zu überwinden, um dauerhaft virulent zu werden: Er braucht für seine Entwicklung in der wechselwarmen Mücke viel Wärme, um sich vermehren zu können. Es besteht durchaus die Gefahr, dass die Klimaveränderung die notwendigen Voraussetzungen dafür schafft. Ein weiterer Umstand macht das Leben für die Anopheles-Arten in Deutschland zunehmend lebenswert: Die Anlage ökologisch wertvoller Feuchtgebiete, Feuchtwiesenschutzprogramme und in Gärten künstlich angelegte Folienteiche schaffen einen idealen Lebensraum. Das gilt nicht nur für Anopheles, sondern auch für viele andere Stechmückenarten in ganz Europa, die neben Malaria weitere Krankheiten übertragen können.

Resistenz der Erreger ist ein besonderes Problem

Mit Tuberkulose ist ein Drittel der Weltbevölkerung infiziert, wovon fünf bis zehn Prozent erkrankt sind. Jährlich infizieren sich acht bis neun Millionen Menschen neu, wovon zwei Millionen sterben. Die Bekämpfung der Tuberkulose durch Tuberkulostatika oder durch Impfungen gestaltet sich schwierig, da es eine hohe Rate an einer Kombination aus TB- und HIV-Infektionsfällen gibt. Dazu kommt eine zunehmende Multiresistenz der Erreger. Man nennt sie MDR (Multi Drug Resistent)- und XDR (Extensively Drug Resistant)- Erreger. Im Jahre 2005 brachte in Deutschland die TBC 188 Menschen den Tod. Zwar konnte hierzulande eine Abnahme der Neuerkrankungen von 5.210 im Jahr 2006 auf 4.728 im Jahr 2007 verzeichnet werden, dennoch wird die Entwicklung mit großer Sorge beobachtet.

Keine Krankheit außer der Pest forderte bislang mehr Todesopfer

Die echte Grippe, die Influenza, zeigt sich alljährlich als Epidemie in Deutschland mit dem Gipfel in der kalten Jahreszeit. Da auch hier die Viren ihre Antigene wechseln, muss jedes Jahr ein neuer Impfstoff hergestellt werden. Es hat sich herausgestellt, dass in Südostasien bei Geflügel vorkommende Influenza-Viren Menschen infizieren konnten, die durch den Stamm A/HsN1 oft so schwer erkrankten, dass sie starben. Jetzt wird befürchtet, dass diese Influenzaviren zu einer Pandemie führen können. Fieberhaft wird an der Herstellung eines adäquaten Impfstoffes gearbeitet. Bereits im Jahre 1918 starben an einer H1N1-Influenza-Pandemie, der Spanischen Grippe, weltweit 20 Millionen Menschen. Die Asia-Pandemie von 1957 (Asiatische Grippe A/H2N2) und die Hongkong-Pandemie A/H3N2 1968 brachten jeweils einer Million Menschen den Tod.

Auch die sogenannten Norovirus-Erkrankungen, wie beispielsweise Enteritis und Gastro-Enteritis, entzündliche Magen-Darm-Erkrankungen, zeigen einen Gipfel in der kalten Jahreszeit. Im Winter 2006 auf 2007 erkrankten rund 140.000 Menschen.

Impfen rettet Leben

Zu den bereits genannten reiseassoziierten Krankheiten sind in Deutschland im Jahre 2006 die Shigellose (814 Erkrankungen), der Typhus (75 Erkrankungen), der Paratyphus (73 Erkrankungen), die Brucellose (37 Erkrankungen), die Cholera (1 Erkrankung), die Trichinellose (22 Erkrankungen), die Lepra (2 Erkrankungen), das Dengue-Fieber (174 Erkrankungen), das Lassa-Fieber (1 Erkrankung) und die Leishmaniose (12 Erkrankungen) hinzuzufügen. Als Prophylaxe gelten neben den von der Ständigen Impfkommission (STIKO) in Deutschland empfohlenen Impfungen je nach Reiseziel: Malaria-Prophylaxe, Impfungen gegen Gelbfieber, Hepatitis A und B, FSME, Tollwut und Typhus. (kws)




27. Juni 2008 | Kategorie: Gesellschaft

Kommentar schreiben