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Organspende: Die Chance auf ein neues Leben

Verständliche Ängste können überwunden werden

Im Peter Bent Brigham Hospital in Boston wurde eine neue Ära in der Geschichte der Medizin eingeleitet: Am 23. Dezember 1954 führte der Arzt Joseph Murray in einer fünfeinhalb Stunden dauernden Operation die weltweit erste erfolgreiche Organtransplantation durch. Bei dem Organ handelte es sich um eine Niere, deren Spender, Ronald Herrick, dabei nur eines im Sinn hatte, nämlich seinen eineiigen Zwillingsbruder Richard vor dem Tode zu bewahren.

Die neue Niere bescherte Richard Herrick nicht nur weitere acht Jahre Leben, sie war auch der Anstoß für viele Tausend weiterer Nierentransplantationen auf dem ganzen Erdball. Als Christiaan Barnard knapp dreizehn Jahre später, am dritten Dezember 1967, das erste Herz transplantierte, hatte er gegen „chirurgische, ethische und rechtliche” Bedenken zu kämpfen. Heutzutage sind Organ-Transplantationen aller Art etabliert und gehören zum „Tagesgeschäft”. Wo menschliche Organe transplantiert werden sollen, müssen jedoch Organe für eine Transplantation zur Verfügung stehen. Die Beschaffung ist mühsam, die vorangehende Organspende ist keinesfalls eine alltägliche Aufgabe.

Grundsätzlich ist jedem Bürger klar, dass Organspenden Leben retten und vielen schwerkranken Menschen die Möglichkeit bieten, wieder ein normales Leben zu führen. Nach Umfragen der Bundeszentrale für Gesundheitliche Aufklärung in Köln (BZgA) wären rund siebzig Prozent der Befragten zu einer Organspende nach ihrem Tod bereit. Noch mehr würden im Bedarfsfall selbst eine Organspende annehmen. Dennoch besitzen nur zwölf Prozent einen Organspendeausweis. Was also hindert viele Menschen daran, sich einen solchen Ausweis zu besorgen. Reine Lethargie und Gedankenlosigkeit? Diffuse Neidgefühle mancher Zeitgenossen, die sich gegen den – im Übrigen sachlich unrichtigen – Gedanken auflehnen, dass mit ihren Organen Geschäfte gemacht werden und sie selbst nichts mehr davon haben? So abstrus sich dieses Argument anhört, gibt es doch einen physiologischen Vorgang, der eine solche Denkweise im Grundsatz belegt.

Eine emotionale Angelegenheit

Im menschlichen Gehirn befindet sich die Insula, ein Bereich, groß wie eine Zwei-Euro-Münze. Die Insula erfüllt viele Funktionen. Neueste Forschungen der Stanford-University haben jetzt physisch nachgewiesen, dass die Insula auch den „Besitzeffekt” des Menschen steuert – psychologisch gesehen ist das “Besitztumsdenken” längst Thema der Wirtschaftspsychologie. Den zugrundeliegenden Gehirnscan haben die Wissenschaftler so interpretiert, dass es nicht die große Anziehungskraft von Eigentum sei, die den Besitzeffekt ausmache, sondern dass der Wert der besessenen Dinge wegen ihres möglichen Verlustes gesteigert werde. Die damit verbundene Trennungsangst ist eine Grundlage für Neid und Geiz. Biologisch betrachtet ist diese Funktion ein Überlebensmechanismus, der nicht nur die soziale, sondern auch die körperliche Seite betrifft. Wer gegen dieses Gefühl handelt, wendet sich, ursprünglich betrachtet, gegen seine Natur. Die Funktion kann durchaus auf die Erwartung übertragen werden, etwas von seinem Körper abgeben zu sollen, auch wenn die Abgabe erst nach dem Tode erfolgt – die Verfügung soll ja noch zu Lebzeiten verfasst werden! Ein Organ zu spenden erzeugt also Trennungsangst, vor allem in Verbindung mit dem Tod. Der Körper und seine Organe sind nun einmal die intimsten Teile des Menschen. Wir stehen hier vor einem klassischen Ungleichgewicht, dem Missverhältnis zwischen rationalem Willen der Gesellschaft und dem Handeln des Individuums. Paradox ist, dass diese Ängste erst mit ihrem Erkennen und Akzeptieren unbedeutend werden.

Schreckensmeldungen verursachen Unsicherheit

Das gilt auch für die folgenden Punkte. Die Entscheidung zur Organspende ist häufig mit der Angst vor dem eigenen Tod, über den man ja nicht spricht, verknüpft. Wer sich dazu durchringt, einen Organspendeausweis zu beantragen, muss sich zwangsläufig mit seinem Tod auseinandersetzen. Hinzu kommt, dass die Menschen von einem Gefühl der Unsicherheit dominiert werden, verstärkt von Spielfilmen wie „Flesh” oder „Koma” sowie Medienberichten, beispielsweise aus China, wo zum Tode verurteilte Menschen gezielt mit Hilfe einer ausgefeilten Technik des Genickschusses lediglich klinisch getötet werden, so dass die Organe noch „brauchbar” an Ort und Stelle entnommen werden können, um anschließend in den Handel zu gelangen. Aus Indien oder aus dem Irak wird berichtet, dass Menschen aus schierer Not sich oder ihren Kindern Organe entnehmen lassen, um sie skrupellosen Ärzten für ein Butterbrot zu verkaufen. Noch schlimmer, sie werden in Kliniken wegen einer Blinddarmentzündung operiert und wachen mit nur noch einer Niere aus der Narkose auf. Im Zweifel haben sie damit die Blinddarmoperation bezahlt. Wahrscheinlich gibt es viel mehr Staaten, in denen derart Verwerfliches praktiziert wird. Die Geschichten ließen sich endlos fortsetzen. Aber nicht nur bei der Transplantationspraxis in solchen Ländern können Unregelmäßigkeiten aufgedeckt werden. Wozu Menschen in sogenannten zivilisierten Ländern mit demokratischer Grundordnung und rechtsstaatlichen Gesetzen für Geld fähig sind, macht der jüngste Fall an der Mailänder Privatklinik Santa Rita deutlich, wo skrupellose Ärzte sich an ahnungslosen Patienten bereichert haben und dabei sogar deren Tod in Kauf nahmen.

Nur wenigen Menschen ist bewusst, dass die Zurückhaltung bei der Organspende sowie die geschilderten Ängste für solch furchtbare Praktiken mit verantwortlich sind. Denn erst dadurch entsteht der Mangel an Organen, was in einer am Kapital orientierten Welt das einzelne Spenderorgan zu einer sehr teuren Sache machen kann. Ein Umdenken könnte also ganz im Gegenteil Missbrauch einschränken helfen.

Trotz Steigerung zu wenig Spender

Stolz verkündete die Deutsche Stiftung Organtransplantation (DSO) unlängst, dass im Jahr 2007 die Organspende einen Höchststand erreicht habe. Bezogen auf die Einwohnerzahl liege der Bundesdurchschnitt 2007 erstmals bei einer Quote von 16 Spendern pro eine Million Einwohner. Angesichts der Tatsache, dass in Deutschland rund 12 000 schwer kranke Menschen auf eine lebensrettende Transplantation warten und im Durchschnitt täglich drei Patienten, die auf der Warteliste stehen, sterben, kann sich über den genannten Höchststand nur jemand freuen, der noch schlechtere Zahlen gewohnt ist.

Klare Regelungen schaffen Vertrauen

Die Organspende ist in Deutschland klar durch das Transplantationsgesetz geregelt und trotz anders lautender Regelungen in anderen westlichen Staaten wird sich daran nichts ändern. So sind für die Entnahme von Organen und Geweben zwei Voraussetzungen festgelegt: Der Tod des Menschen muss festgestellt sein und eine Zustimmung des Verstorbenen muss vorliegen. Wurde der Hirntod diagnostiziert, so bedeutet das den irreversiblen Ausfall der Gesamtfunktion von Großhirn, Kleinhirn und Hirnstamm, damit den sicheren Nachweis des Todes. Zwei erfahrene Ärzte untersuchen dieses unabhängig voneinander nach den Richtlinien der Bundesärztekammer. Ein weiterer Kontrollpunkt wurde dadurch eingebaut, dass die beiden Ärzte, die die Diagnose vorgenommen haben, weder an der Entnahme noch an der Transplantation beteiligt sein dürfen. Die Entscheidung zur Organspende setzt eine schriftliche Verfügung des Verstorbenen voraus, wie beispielsweise einen Organspendeausweis oder eine mündliche Willenserklärung nahen Angehörigen gegenüber. Oft werden diese Fragen vom behandelnden Arzt mit Unterstützung eines Koordinators der DSO im Gespräch mit den Angehörigen geklärt. Hat der Verstorbene zu seinen Lebzeiten keine Entscheidung getroffen, so werden die Hinterbliebenen um eine Entscheidung gebeten.

Der Weg der Organe zum Empfänger

Ist eine Zustimmung erfolgt, werden die Organe auf mögliche Erkrankungen und Infektionen hin untersucht, um die Organempfänger zu schützen. Ist alles in Ordnung, so leitet der Koordinator die Untersuchungsergebnisse zu Spender, Blutgruppe und Gewebemerkmalen an Eurotransplant weiter. Eurotransplant mit Sitz in Leiden in den Niederlanden ist eine gemeinnützige Stiftung und für die Vermittlung all derjenigen Organe zuständig, die in Deutschland, Belgien, Niederlande, Luxemburg, Österreich, Slowenien und Kroatien verstorbenen Menschen zum Zwecke der Transplantation entnommen werden. Von Eurotransplant wird die Zuweisung von Spenderorganen auf Basis der angeforderten Merkmale koordiniert. Bei Eurotransplant sind auch alle Patienten registriert, die auf eine Niere, eine Leber, ein Herz, eine Lunge oder eine Pankreas warten. Derzeit handelt es sich immerhin um rund 15000 Menschen. Die Patienten auf der Warteliste werden mit Spenderorganen nach ganz bestimmten Kriterien versorgt. Dabei spielen Verträglichkeit, Erfolgsaussicht, Wartezeit und Dringlichkeit die entscheidende Rolle.

Wurde ein passender Empfänger ermittelt, so wird das zuständige Transplantationszentrum verständigt. Vierzig dieser Zentren gibt es derzeit in Deutschland. Das Transplantationszentrum verständigt den Empfänger und klärt mit dem Koordinator alle weiteren medizinischen und organisatorischen Fragen. Die bundesweit einheitliche Warteliste spiegelt die Chancengleichheit bei der Organvergabe. Selbstverständlich ist der würdevolle Umgang mit dem Spender oberstes Gebot. Nach der Organentnahme wird der Schnitt wieder verschlossen und verbunden. So kann der Spender aufgebahrt werden, damit die Hinterbliebenen die Möglichkeit haben, in Ruhe Abschied zu nehmen. In aller Regel kann die Bestattung ohne zeitliche Verzögerung vorgenommen werden.

Nachdenken hilft bei der Entscheidung

Die DSO nennt fünf Gründe, ernsthaft über das Thema Organspende nachzudenken:

  1. Organspende rettet Leben und ist ein Zeichen der Solidarität und Nächstenliebe.
  2. Jeder Organspender kann nach seinem Tod bis zu sieben schwerkranken Menschen die Chance auf ein neues Leben schenken.
  3. Wer nimmt, sollte auch bereit sein, zu geben. Jeder kann durch eine Krankheit oder einen Unfall in die Situation geraten, auf ein neues Organ angewiesen zu sein.
  4. Um die Angehörigen nicht in eine schwierige Situation zu bringen, die im Falle des Hirntodes eines Verwandten nach dem mutmaßlichen Willen des Verstorbenen entscheiden müssen, ist es wichtig, die Familie über die eigene Entscheidung zur Organspende zu informieren.
  5. Die Transplantationsmedizin gehört heute zum Standard der medizinischen Versorgung und ist so erfolgreich, dass die gespendeten Organe über Jahrzehnte hinweg funktionsfähig bleiben und die Empfänger ein fast normales Leben führen können.

Einen Organspendeausweis erhält beispielsweise beim Hausarzt, in Apotheken, bei Gesundheitsämtern, in Kliniken oder auch bei Krankenkassen.

(kws/fwm)




18. Juni 2008 | Kategorie: Gesellschaft

2 Kommentare »

  1. hallo,

    warum wird ohne ende für transplantation geworben anstatt sich einmal ehrlich mit dem tabu-thema tod auseinanderzusetzen?

    es ist nun einmal so, daß unsere unsterbliche seele ihr zeitweiliges sterbliches kleid, den körper ablegt. diese tatsache sollten wir akzeptieren statt immer neue verzögerungsstrategien zu erfinden, die mE. nicht geeignet sind, die ängste vor tod, sterben und dem danach zu mildern.

    auch sterben will gelernt werden, ebenso das begleiten sterbender menschen. dazu aber gehört das: “erst vor der eigenen türe kehren”
    ich habe viele jahre in einer klinik gearbeitet und weiß, wovon ich rede.

    mfg
    margarete

  2. Guten Tag und guten Abend,
    noch wichtiger als die Geburt, die wir nicht beeinflussen
    können ist der eigene Tod oder das Sterben.
    Sie scheiben, dass die Ogane nach dem Tod entnommen werden.
    Heute bestimmt jeder selbst was Tod ist. Was die Transplantationsmedizin für Tod erklärt um mit dem Grundgesetz kein Problem zu bekommn ist für mitfühlede Sterbebegleiter noch ein lebender Mensch weil er noch nicht zu Ende gestorben ist.
    Solange gelogen wird, wird auch kein Vertrauen in die Transplantationsmedizin gesetzt. Erlicher geht es bei der sogenannten Lebendspende zu, da behauptet keiner, dass der Spender tot ist und man wird auch würdig behandelt und bekommt sogar eine Narkose.
    Mit freundlichen Grüßen
    Lili

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