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Selbstverantwortung bringt Vorteile für alle

Der Persönliche Gesundheits-Index (PGI) könnte ein Ausweg aus der Krise sein

Prof. h.c. Dr. rer. nat. Josef A. Schmelzer

„Gesundheit und ein langes Leben” lautet ein Gruß der Beduinen. „Gesundheit erflehen die Menschen von den Göttern und wissen doch nicht, dass sie die Macht darüber selbst besitzen”, erkannten die alten Griechen. „Wer nicht jeden Tag etwas für seine Gesundheit aufbringt, muss eines Tages sehr viel Zeit für die Krankheit opfern”, stellte Pfarrer Kneipp fest.

Was ist Gesundheit eigentlich? Zunächst einmal scheint Gesundheit etwas zu sein, das mit Wohlergehen zu tun hat, während Krankheit ein unerwünschter Zustand ist, weil es dem Kranken nicht gut geht. Gesundheit scheint auch mit einem längeren Leben zu tun zu haben, spricht man doch bei vielen Krankheiten davon, dass und wie viel sie die Lebenserwartung verringern.

Gesundheit, das unerforschte Wesen

Gesellschaftlich betrachtet ist die Gesundheit heutzutage Krise, politisches Ressort, Wirtschaftsbranche sowie Stoff für Zeitungen und Zeitschriften aller Art in einem. Doch was tun wir für die Gesundheit, und was tut die Gesundheit für uns? So erforscht Gesundheit zu sein scheint, so ist sie doch ein unerforschtes Wesen. Wird Gesundheit etwa an Universitäten gelehrt? Dort lernen Ärzte viel über Krankheiten, aber wenig über Gesundheit. Unser Gesundheitswesen ist eigentlich ein Krankheitswesen. Und dieses Krankheitswesen ist auf dem einen Auge blind und auf dem anderen fehlsichtig. Das blinde Auge ist dasjenige, welches nicht sieht, wie man als Gesunder durch ungesunden Lebenswandel langsam aber sicher auf unnötige Krankheiten hinsteuert. Das fehlsichtige Auge ist das, welches mit diesem Menschen, wenn er als Kranker auftritt, bürokratisch und unangemessen umgeht.

Sich gesund zu erhalten ist weise. Auch wenn das jemand schreibt, der sich alles andere als gesund erhält, ist das richtig. Der Autor ist zwar wissend, aber eben nicht weise. Sich gesund zu erhalten ist also weise. Und es ist sozial! Denn es sind nicht nur die direkten Kosten im Krankheitswesen, die die Sozialetats belasten, sondern auch die krankheitsbedingten Ausfälle und Minderleistungen. Aber was kann schon jemand vorschlagen, der sich zwar jahrelang beruflich mit dem Gesundheitswesen und der Gesundheitspolitik beschäftigt hat, der jedoch selbst alles andere als gesund lebt?

Mit Anreizen Nutzen stiften

In vielen Bereichen sind wir Menschen gewohnt, zu zählen, zu wiegen und zu messen. Bisweilen scheint das übertrieben, aber hin und wieder hat diese Vorgehensweise doch etwas für sich. So schlägt der Autor anstelle ewiger Bevormundungen und kluger Belehrungen von Gesundheitsaposteln, die ihm zum Hals heraus hängen und die er sowieso nicht will, einen freiwilligen Persönlichen Gesundheitsindex (PGI) als Basis für ein Anreizsystem vor, für ein Anreizsystem, das mit der sanften Kraft des Wassers, ohne rigiden Zwang, auf die gewünschten Ziele hinwirkt. Die gewünschten Ziele sind diejenigen des Individuums, der Gesellschaft und des gesetzlichen Krankenversicherungs (GKV)-Systems. Der einzelne Mensch möchte gesund und lang leben, die Gesellschaft zieht ihren Nutzen aus einer breiten Volksgesundheit und das GKV-System will bei tragbaren und wirtschaftlich stabilen Kosten eine möglichst umfassende, medizinische Versorgung auf wissenschaftlich hohem Stand gewährleisten.

Mit den heute angewandten Mitteln, Methoden und Mechanismen sind diese Ziele nicht zu erreichen. Dass die dadurch immer wieder entstehenden Zielkonflikte durch politische Entscheidungen und Maßnahmen nie befriedigend gelöst werden können, liegt nicht an den Politikern, sondern an den Kontexten. Mit dem PGI lässt sich ein neuer, produktiverer Kontext entwickeln. Wie das funktionieren kann, soll an dieser Stelle kurz angerissen werden, sodass ein erkennbares Bild entsteht.

Alle müssen mitziehen

Als Beispiel mögen drei Faktoren dienen, die zugleich das GKV-System belasten, der Volksgesundheit schaden und die Lebensdauer senken: Bewegungsmangel, Fehlernährung und Rauchen. Die grob geschätzten jährlichen volkswirtschaftlichen Kosten der gesundheitlichen Auswirkungen des Bewegungsmangels betragen etwa 60 Milliarden, des Rauchens etwa 40 Milliarden und der Fehlernährung etwa 80 Milliarden Euro. Bei Addition der alleine aus diesen drei Faktoren entstehenden Kosten kommen wir auf 180 Milliarden Euro im Jahr – es geht also um etwas.

Jetzt stellen Sie sich vor, wir hätten einen relativ einfach zu ermittelnden Index, der den Zustand eines Menschen bezüglich dieser drei Faktoren abbildet. So sind Gewicht, Lungenzustand und Kreislaufbelastbarkeit ohne großen Aufwand zu ermitteln. Aus diesen Faktoren könnte ein erster Persönlicher Gesundheits-Index erstellt werden, der bereits ein Bild über den Gesundheitszustand in wichtigen Parametern ergibt – und das in Parametern, die der Einzelne durch sein Verhalten selbst beeinflusst!

Dass gesundheitsbewusstes Verhalten diejenigen Krankheitsrisiken massiv senkt, die allein aus diesen drei Ursachen heraus entstehen, ist den Krankenkassen hinlänglich bekannt. Einige von ihnen versuchen auch, Programme für ein gesünderes Leben zu installieren. Sie kämpfen dabei jedoch mit einem Problem: Nur ein Teil der Kosten entsteht bei ihnen selbst. Der größere Teil entsteht in anderen Bereichen unserer Sozialsysteme wie beispielsweise durch Frührentenzahlungen sowie bei den Arbeitgebern durch Minderleistungen im Arbeitsleben oder vermehrte Krankheitstage. Dadurch können die Krankenkassen ihre Kosten nur bedingt senken, wenn sie Gesundheitsprogramme finanzieren, sich jedoch nur ein Teil der daraus entstehenden Vorteile aus den Gesamtkostenreduktionen in ihren Kassen positiv niederschlägt.

Systemveränderung verursacht Einstellungsveränderung

Eine weitere Schwäche des heutigen Systems ist in der Haltung vieler Versicherter zu sehen. Sie sind für den Spaß in ihrem Leben zuständig, das Gesundheitswesen hingegen für ihre Gesundheit. Wie bereits eingangs bemerkt, wussten schon die alten Griechen, dass das nicht stimmt: „Die Menschen erflehen Gesundheit von den Göttern und wissen doch nicht, dass sie selbst die Macht darüber besitzen.” Es gibt jedoch einen kleinen, aber feinen Unterschied zu heute: Die meisten Menschen heutzutage wissen schon, dass sie die Macht darüber besitzen, sie machen aber die Augen zu. Sie arbeiten mit einem hohen Diskontsatz. Das Vergnügen heute ist ihnen unendlich mehr wert, als das ersparte Leiden in der Zukunft.

Diese Umstände könnten sich leicht beheben lassen, wenn im System eine Veränderung vorgenommen würde. Sie kann durchaus auf freiwilliger Basis erfolgen derart, dass diejenigen, die sich dem neuen Vorgehen anschließen, sowohl sich selbst nützen, als auch dem gesamten System. Das gewünschte und individuell wie kollektiv nützliche andere Verhalten müsste, wie die Chaostheoretiker sagen würden, zu einem Attraktor im chaotischen System des Gesundheitswesens gemacht werden. Die Nutzung eines zu schaffenden Instrumentes wie des Persönlichen Gesundheits-Indexes (PGI) würde das möglich machen.

Wie der Intelligenz-Quotient eines Menschen hätte ein solcher PGI beispielsweise einen Durchschnittswert von einhundert. Im Unterschied zum Intelligenz-Quotienten jedoch kann der PGI von jedem einzelnen selbst nach oben oder unten verändert werden. Der jeweilige PGI könnte mit verschiedenen, sofort wirksam werdenden Vorteilen verknüpft werden. Solche Vorteile könnten darin bestehen, dass niederere Kassenbeiträge zu entrichten wären oder günstigere Kreditkonditionen sowie Versicherungstarife gewährt würden. Parallel dazu erhielte man bessere Bezahlung bei der Arbeit, bessere Jobchancen und günstigere Reisetarife. Ganz automatisch verbesserte sich das Image mit beispielsweise besseren Chancen auf dem Partnermarkt. Die Vergünstigungen ließen sich leicht auf viele Bereiche des täglichen Lebens ausdehnen. Damit lernte das Gesundheitswesen, wenigstens auf dem blinden Auge wieder sehend zu werden. Profitieren würden alle. Man muss es nur wollen – und tun!

Josef A. Schmelzer
ist Naturwissenschaftler, Diplom-Mathematiker und Unternehmensberater




3. Juni 2008 | Kategorie: Gesellschaft

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